Zum Beispiel Harry - FALTER.maily #419

Florian Klenk
Versendet am 20.01.2021

ich möchte Ihnen von Harry erzählen, er lebt ganz in meiner Nähe und heisst in Wahrheit anders. Harry ist Mechaniker, 30 Jahre, ein gewissenhafter und netter Kerl, er hat einen Sohn, um den er sich liebevoll kümmert, ein schönes Auto, immer zu wenig Geld, aber er lebt in einem Häuschen, das er selbst renoviert. Harry geht es gut. Wir grüßen uns und tratschen oft. "Hallo Harry!"

Aus irgendeinem Grund, den nur Marc Zuckerberg versteht, spielt es mir in den letzten Wochen immer die Facebook-Postings von Harry in die Timeline und so schaue ich ihm langsam bei der Selbstradikalisierung zu. Harry teilt Beiträge von unzensuriert.at, von Herbert Kickl, Gerald Grosz und von irgendwelchen, mir völlig unbekannten Typen, die abends in Spitäler eindringen und dort die leeren Gänge filmen. Angeblich ist das der Beweis dafür, dass Corona nur eine Erfindung dunkler Mächte ist und die Intensivstationen leer sind. Die Videos werden hunderttausendfach geteilt.

Manchmal postet Harry auch Videos einer aufgeregten deutschen Frau, "die nur mal schnell" etwas mitteilen will, "was sie gerade eben gehört hat". Man solle "das mal checken". Dann verbreitet sie vor einem Millionenpublikum Unsinn, den kein Mensch, der bei Vernunft ist, glauben kann. Sie erzählt zum Beispiel, dass die Spitäler mit der Corona-Impfung massenhaft Alte umbringen, aber die "Mainstream-Medien" das verschweigen. Und sie weiß, dass in Kroatien Menschen 500 Euro gezahlt wird, wenn sie ihre eines natürlichen Todes verstorbenen Verwandten als Corona-Tote umetikettieren.

Früher hätte ich mir über Harrys Welt keine Sorgen gemacht. Doch die Postings die er liest, die Fake-News und Verschwörungen, die er glaubt, die lesen und teilen auch der Roland, der Matthias, der Jürgen, die Susanne und der Herbert, einige meiner Freunde aus meiner Gemeinde. Sie schicken sich das Zeug über Whats-App und Telegram. Andreas, mit dem ich acht Jahre die Schulbank drückte, hatte mich auf der Straße neulich allen Ernstes gefragt, wieso wir "in der Falter Zeitung" nicht endlich darüber berichten, dass fünf Freimaurer via China die Corona-Pandemie inszeniert hätten, damit der Staat über die Massentestungen an unsere DNA kommt. Fingerabdrücke und Gesichtserkennung seien ja schon erfolgt. Ob wir auch schon gekauft sind. Er habe das im Fernsehen gesehen, in Wahrheit war es irgendein Youtube-Kanal. Andreas, das muss ich hier hinzufügen, ist kein Narr, sondern ein erfolgreicher Unternehmer mit Hirn.

Auch die alte Frau Meier, meine Nachbarin, hat mich neulich angesprochen. Sie werde sich nicht impfen lassen, sagte sie, denn im Internet habe sie gelesen, dass Frauen wie sie an der Impfung verenden, in Norwegen herrsche Massensterben. Und Josip, ein Gärtner, hatte mir erklärt, dass die Regierung Corona erfunden hat, damit wir endlich die Alten beseitigen können.

Vielleicht war das ja immer so. Vielleicht haben Menschen, die sich nicht so genau für Politik interessieren, immer schon Unsinn geglaubt, der an ihnen vorbeirauscht und sich die Welt so zusammengefürchtet. Aber nun wird das sichtbar und wirkmächtig, weil meine Nachbarn ihre Gedanken ins Facebook schreiben und mit anderen teilen, etwa über Whats-App. Sie halten uns Journalisten und Journalistinnen für verkommen und gekauft. Das ist ein Problem.

Und deshalb müssen wir uns über eine Sache klar werden: wir erleben nicht das "Ende der Geschichte", wo Vernunft und Aufklärung gesiegt haben. Wir erleben eine Phase der Gegenaufklärung, der Propaganda, eine Inflation der Desinformation, es beginnt das postjournalistische Zeitalter. Es wird nicht reichen, wenn wir die Harrys einfach als dumme Nazikleinbürger verspotten, wie das einige meiner linksliberalen Freunde tun. Wir Journalisten und Journalistinnen müssen sie in ihrer Social-Media-Welt stören und mit Fakten und Faktenchecks konfrontieren.

Bleiben Sie gesund,

Ihr Florian Klenk

Die fünfte Gewalt, die gereizte Gesellschaft, die Dynamik der Empörung: kaum jemand kennt sich hier besser aus als der Tübinger Medienwissenschafter Bernhard Pörksen. Auch er erhält aus seinem Verwandtenkreis unentwegt "Desinformationsmüll", wie er mir vergangene Woche in einem Interview verraten hatte. Was können wir dagegen tun? Pörksen hat ein paar kluge Antworten für die "redaktionelle Gesellschaft". Das Gespräch lesen Sie hier. Sein fabelhaftes Buch über die "Große Gereiztheit" können Sie hier bestellen. Es ist eines der besten Bücher über den Medienwandel, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Eine interessante Abhandlung über das Zeitalter der Verschwörungstheorien hat Michael Butter verfasst. Sein Buch finden Sie hier. Einen hörenswerten Podcast über Verschwörungstheorien unter Imfpgegnern hat kürzlich Sascha Lobo gestaltet. Mein Gespräch mit Pörksen können Sie ab heute auch im Falter-Podcast hören.

Vor etwa 25 Jahren habe ich meine ersten Zeitungsartikel verfasst, mit Schreibmaschine, Tipp-Ex und Fax, die Fotos habe ich im Keller selbst entwickelt. Um einen Text in der Länge von drei Tweets an ein großes Publikum zu bringen, war ein gewaltiger Apparat notwendig – und Zugang zu einer Redaktion. Wie hat sich die Medienwelt im letzten Vierteljahrhundert eigentlich verändert? Und wie finden wir uns alle, die Medienvertreter, aber auch das Publikum, in der Welt der Social Media zurecht? Vor einiger Zeit habe ich dazu einen Vortrag gehalten, er erklärt, wie radikal, aber auch unbemerkt sich unser Medienkonsum, sowie die Arbeitsweise von JournalistInnen geändert hat. Den Vortrag finden Sie hier als Video. Er entstand vor der Corona-Pandemie, aber ist aktueller denn je.

Einmal geht's noch mit dem Lockdown. Was müssen wir wissen? Eva Konzett und Barbara Tóth haben die wichtigsten Fragen hier beantwortet. In einer berührenden Reportage über eine in einem Altersheim verstorbene Mutter erzählt Konzett zudem auch über das Massensterben der Alten und das Versagen der Behörden in Österreichs Pflegeheimen. Unsere freie Autorin Clara Porak wiederum hat sich diese Woche mit Wiener Kindern und Jugendlichen getroffen und sie befragt, wie sie die Zeit im Lockdown ertragen. Ihre Protokolle sind so berührend, dass wir sie zur Coverstory gemacht haben.

Wo spielt die Musik? Weiterhin nicht live vor Publikum, dafür aber in der FALTER:WOCHE. Kreisky veröffentlichen am Freitag das neue Album "Atlantis". Gerhard Stöger hat Franz Wenzl, den Sänger der Wiener Rockband, dazu befragt. Um jugendlichen Anarchismus und erwachsenes Wutbürgertum geht es in dem Gespräch, um Sebastian Kurz und Angela Merkel, David Alaba, Bob Dylan, die SPÖ und verzichtbare Corona-Kunst. Weiters stellen wir den Geiger Johannes Fleischmann und sein neues Album "Exodus" vor, und in der Reihe "Aus meiner Festung" berichtet Kerosin95 über das Wechselspiel zwischen Nichtstun und Musikproduktion im Lockdown. Für die Fotoserie "Leuchtkasten" spürt Karin Wasner ausrangierten Weihnachtsbäumen nach, und Klaus Nüchtern legt Ihnen Ridley Scotts "Someone to Watch Over Me" als Filmtipp der Woche ans Herz.

Gesunde, herzhafte Gerichte helfen Ihnen über kalten, grauen Tage. Und mit dem ADAMAH Bio-Rezeptkistl müssen Sie nicht mal zum Einkaufen raus in die Kälte. Denn die genussvollen Rezepte, geplant von Ernährungswissenschaftlerin Julia Schwerd, werden mit allen benötigten Zutaten bequem nach Hause geliefert. Maily-LeserInnen können sich jetzt mit dem Code "biokistlfalter21" 3+1 gratis Bio-Rezeptkistl holen – ob klassisch, vegetarisch oder für die schnelle Küche, der Code gilt für alle Varianten!

© ADAMAH


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!