Der Herr Hofrat - FALTER.maily #421

Anna Goldenberg
Versendet am 22.01.2021

von meinem Urgroßvater wird in meiner Familie bis heute als "der Hofrat" gesprochen. Stets schwang etwas Ironie mit, gleichzeitig schien es eine Form der Ehrerbietung zu sein, als wollten wir ihm Jahrzehnte nach seinem Tod diese Würde weiterhin zuteil werden lassen. Sein Titel war ihm nämlich enorm wichtig. Mein Urgroßvater Paul Pollak wurde in der Monarchie geboren, im ersten Weltkrieg verwundet, in Buchenwald und Auschwitz gepeinigt. Nach dem "Anschluss" 1938 zu fliehen war ihm nicht in den Sinn gekommen; zu groß sein Vertrauen in Österreich. Als er 1945 nach Wien zurückkehrte, stellte ihn die Polizei, die ihn sieben Jahre zuvor als Amtsarzt zwangspensioniert hatte, wieder ein. Ein erster Schritt der Wiedergutmachung, vielleicht auch des Vergessens. Und dann kam der Hofratstitel.

Genauso wie mein Urgroßvater sind Titel in Österreich ein Relikt aus der Habsburgermonarchie, stammen aus der Zeit des Josephinismus. Der Kaiser weigerte sich, den Lohn der Beamten, die zunehmend mehr Arbeit hatten, zu erhöhen und bot ihnen stattdessen Titel an. Seitdem sind Lehrerinnen und Lehrer hierzulande Professorinnen und Professoren. 

Beamte gibt es immer weniger, und die Bologna-Reform schafft mit den nachgestellten akademischen Titeln eine nächste Generation, die nicht mehr so einfach mit "Frau Magistra" angesprochen werden kann. Doch die österreichische Vorliebe hält sich wacker. Seit vergangenem Jahr kann der Titel "Meister" oder "Meisterin" auf dem Reisepass eingetragen werden. Und einer Ex-Ministerin scheint es so wichtig zu sein, "Dr." vor ihren Namen schreiben zu dürfen, dass sie eine plagiierte Dissertation einreichte. 

Warum lieben wir unsere Titel so sehr? Sie sind, so wie damals in der Monarchie, ein Lohn, für (ehrlich erbrachte) akademische Leistung, für langjährige berufliche Verdienste. Sie versprechen Schutz. "Herr Hofrat", das ist weniger persönlich als "Herr Pollak", und doch um Vielfaches respektvoller. Und sie sind ein Symbol der Zugehörigkeit. 

Mit der Ernennung zum Hofrat erhielt mein Urgroßvater Abzeichen, die seine Polizeiuniform noch prachtvoller machten. Die trug er übrigens zu speziellen Anlässen enorm gern – aber nicht nur wegen der Abzeichen. Eine hohe Kappe war Teil davon, mein Urgroßvater nur knapp über 1,60 Meter groß. Da zählte jeder Zentimeter, Titel hin oder her.

Einen wunderbaren Freitag wünscht

Anna Goldenberg

Um akademische Titel ging es auch im Podcast, den ich gestern für den Falter aufgenommen habe. Ausgehend vom Fall Aschbacher diskutierte ich mit der grünen Nationalratsabgeordneten und Wissenschaftssprecherin, Eva Blimlinger, Ulrike Felt, Leiterin des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien, und dem Plagiatsgutachter Stefan Weber, der den Fall aufdeckte, über Plagiate und die Schwächen des österreichischen Hochschulsystems. Blimlinger erklärte zudem, wie die Regierung das umstrittene Universitätsgesetz, dessen Begutachtungsfrist vergangene Woche endete, zu überarbeiten plant. Zu hören ab morgen im FALTER-Radio oder im Falter Radio-Feed der Podcast-App Ihres Vertrauens.

Heute vor genau 110 Jahre wurde Bruno Kreisky geboren. Im Falter Verlag ist ein umfassendes Buch über den wohl prägendsten Bundeskanzler Österreichs erschienen, für das die Herausgeberin Helene Maimann Interviews mit berühmten Zeitgenossen Kreiskys von Henry Kissinger bis Johanna Dohnal geführt hat. Alt-Bundeskanzler Franz Vranitzky hat das Vorwort, Armin Thurnher den Epilog für "Über Kreisky" verfasst.

Ebenfalls heute Geburtstag hat die neue Platte "Atlantis" der Wiener Rockband Kreisky, die beim Erscheinungsdatum offenbar nichts dem Zufall überlassen wollte. Gerhard Stöger hat in der aktuellen FALTER:WOCHE ein Gespräch mit dem Sänger und Texter der Band, Franz Adrian Wenzl, über jugendliche Anarchie und erwachsenes Wutbürgertum geführt.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!