Sechzehn - FALTER.maily #424

Gerhard Stöger
Versendet am 26.01.2021

erinnern Sie sich an die Zeit, als Sie 16 waren? Ich bin damals von der Prolo-Vokuhila-Frisur auf einen Popperscheitel umgestiegen; ich habe mich von meinem Umfeld zu lösen begonnen und langsam eine eigene Weltsicht entwickelt; ich hatte als Eisverkäufer meinen ersten Ferialjob; und dann waren da noch, die schönste Erinnerung an diese Zeit, zwei lebensverändernde Konzertbesuche. Mit meinem besten Jugendfreund M. war ich im Sommer 1990 bei David Bowie in Linz und bei den Pixies in Wien.

M. ist heute Erzieher, Musiker und Biobauer. Mit seiner Familie und allerlei Getier lebt er im Kärntner Unterland, der nächste Nachbar eine Feldüberquerung entfernt. Er glaube schon, dass dieser Virus ernst zu nehmen sei, erklärte M. bei meinem Besuch im Sommer. Nur kenne er halt niemanden, der auch nur jemanden kenne, der mit Corona in Kontakt gekommen sei. "Waßt eh, bei uns do am Lond is lei olles wie imma."

Ende November schrieb M., dass die ganze Familie erkrankt sei. Dabei habe man eh mit niemandem Kontakt gehabt. Außer zum Gütertausch mit dem Käsebauern übers Feld, und wie sollte man denn ahnen, dass ausgerechnet der….

Inzwischen ist meine jüngere Tochter so alt, wie ich es bei den lebensverändernden Konzertbesuchen war. Seit März 2020 konnte sie nur einige Wochen lang regulär die Schule besuchen; ihr Leben als 16-jährige findet vorrangig daheim und am Bildschirm statt. Wirklich regelmäßig trifft sie nur ihren Freund, bisweilen geht sie in den Skatepark.

Sie hält sich an alle Beschränkungen, hadert aber damit. Vor allem, wenn sie Fotos von Freundinnen auf Instagram sieht, die sich ihre Feierlust durch keinen Lockdown trüben lassen. Meine Tochter wäre da gern dabei. Ihr ist bewusst, dass das derzeit keine gute Idee ist und eine Ansteckung, wie bei M., schnell passiert. Sie weiß aber auch, dass ihre verzwickte Situation anhalten wird, so lange sich so viele nicht an die Regeln halten. Wie frustrierend.

"Scheiß drauf, leb dein Leben und feier mit, denn ständig unglücklicher zu werden, ist doch auch nicht gesund!" denke ich, wenn das Seufzen meiner Tochter wieder stärker und ihr Blick trauriger wird. Es fällt mir zusehends schwerer, diesen Gedanken nicht auszusprechen.

Gerhard Stöger

Der Wiener Künstler und Musiker Arik Brauer ist vorgestern 92-jährig verstorben. Anlässlich der CD-Neuauflage seiner ersten deutschsprachigen Schallplatte aus dem Jahr 1971 durften mein Kollege Klaus Nüchtern und ich Brauer im Herbst 2012 in dessen Währinger Atelier besuchen. Das dabei entstandene Gespräch mit dem Titel "Ein Jud soll gefälligst Plattfüße haben!" können Sie hier nachlesen.

2021 wird alles besser! Zu Silvester hätte ich diesen Satz sofort unterschrieben, nach dem rumpeligen Impfstart, einer von der Polizei freundlich begleiteten großen Corona-Leugner-Demo in Wien und einem weiterhin mit offenem Ende eingefrorenen Kulturleben bin ich mir inzwischen nicht mehr so sicher. Begonnen hat 2021 aber fantastisch: Am 1. Jänner veröffentlichte die Gruppe Ja, Panik ihr erstes neues Lied seit Jahren, "Apocalypse Or Revolution". Ein Album soll im Frühjahr folgen.

Immer wieder eine schöne Ablenkung: Youtube-Wohnzimmerdisco mit Videos von coolen Popfrauen aus den 1980ern. Bringen Sie sich mit Madonnas charmantem Frühwerk "Borderline" in Stimmung, feiern Sie dann mit Grace Jones' "Pull Up To The Bumper" und Nina Hagens "New York, NY" die Urbanität, denken Sie bei "I Wanna Dance With Somebody" von Whitney Houston und "Nasty" von Janet Jackson kurz an eine Zeit ohne Abstandsregeln, spielen Sie Luftgitarre zu "I Love Rock'n'Roll" von Joan Jett & The Blackhearts, tanzen Sie mit Annie Lennox' & Aretha Franklins "Sisters Are Doin' It For Themselves" den Feminismus, lassen Sie sich von Cyndi Laupers guter Laune in "Girls Just Want To Have Fun" anstecken, tauchen Sie ein in das Drama von Pat Benatars "Love Is A Battlefield" und stoßen Sie im sicheren Rahmen Aerosole aus, wenn Sie bei Bonnie Tylers Überwältigungsepos "Total Eclipse Of The Heart" inbrünstig mitsingen.

Der FALTER verlost derzeit unglaubliche 15 Exemplare des Romans "Vati" von Monika Helfer. Darin schreibt die Bestseller-Autorin fort, was sie mit ihrem Buch "Die Bagage" begonnen hat: ihre eigene Familiengeschichte. Hier können Sie am Gewinnspiel teilnehmen. Das Buch wird derzeit übrigens auch im Rahmen eines Lesekränzchens im FALTER-Buchclub gelesen und diskutiert. Wir laden alle Gewinnerinnen und Gewinner ganz herzlich ein, sich der Leserunde anzuschließen.


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