Schrödingers Demo - FALTER.maily #429

Lukas Matzinger
Versendet am 31.01.2021

und sie bewegten sich doch.

Obwohl die Wiener Polizei die heutige Großdemonstration der Corona-Querdenker untersagt hatte und den Freiheitlichen kein Ersatzevent zugestand, strömten gegen Mittag tausende Widersacher der Pandemiepolitik aus allen Bundesländern an den Wiener Ring.

Schriftsätze zweier Behörden begründeten das Aufmarschverbot: Der Gesundheitsdienst der Stadt Wien argumentierte, dass maskenverweigernde Demonstranten andere anstecken könnten, der Landesverfassungsschutz vermutete in der Anmelderin der Demo nur eine Strohfrau für ein bedenkliches Netzwerk.

Der Plan der Exekutive ging nicht auf: Von Social-Media-Kanälen und rechten Blogs angeleitet, kamen einige tausend selbsternannter Querdenker zu ihrer angeblichen "Wallfahrt" nach Wien. Die Polizei wollte die Versammlung nicht mit Gewalt auflösen und ließ sich auf eine wilde Demo ohne Marschroute und Versammlungsleiter ein. Die Menschentrauben waren kaum zu kontrollieren und legten den ganzen Nachmittag lang die halbe Innenstadt lahm.

Selten trieb eine wildere Mischung durch die Stadt: Der Neonazi Gottfried Küssel marschierte mit salbeiverbrennenden Esoterikern, Österreichfahnen wehten neben Che Guevara. Rosenkranzbetende Christen teilten sich Parolen mit erlebnisorientierten Hooligans. Naturfundis trafen auf rechtsextreme Identitäre und Kinderrechtlerinnen tauschten sich mit den Anhängern wildester Verschwörungstheorien aus. Diese Menschen verbindet nichts außer ihr Misstrauen, die Corona-Querdenker-Bewegung kennt keinen Wertekanon, sie ist nur in der Kritik vereint.

Und sie dürfte den heutigen Tag als Erfolg interpretieren. Dass der Staat ihre Proteste verbietet, bestärkt sie in ihrem Gerede von einer Diktatur. Dass sie trotzdem stundenlang hunderte Polizisten auf Trab halten konnten, gibt ihnen eine Gefühl von Volksmacht. Es wird nicht ihr letztes Treffen gewesen sein.

Ihr Lukas Matzinger

Falls Sie sich wundern: Dass Sie das FALTER.maily bereits am Sonntagabend erhalten, ist nicht etwa einem Versehen geschuldet (obwohl auch das schon mal vorgekommen sein soll), sondern einer viel erfreulicheren Tatsache: Wir haben viel überlegt, gewerkt, geplant und vorbereitet, jetzt ist es endlich soweit: Morgen startet der FALTER.morgen, der Wien-Newsletter des FALTER. Frühmorgendlich flattert er von nun an Werktags in Ihr E-mail Postfach und liefert Ihnen neben harten Fakten und spannenden Reportagen alles, was Sie derzeit in Wien kennen sollten. Und das alles kostenlos! Wir laden Sie ein, bei der großen Premiere dabei zu sein, hier geht’s zur Anmeldung! 

In den späten 1960er Jahren wollte der Musikverlag Warlock bereits erschienene Lieder an weitere Künstler verkaufen. Um den eigenen Songkatalog in einer Demoplatte zu präsentieren, baten die Manager die jungen Sänger Elton John und Linda Thompson einige Warlock-Hits einzusingen. Dabei ist auch diese fabelhafte Aufnahme entstanden.

Neu im FALTER-Radio: Arabiens Potentaten auf rutschiger Bahn. Mit dem Abgang von Donald Trump als US-Präsident verlieren die Diktatoren einen mächtigen Beschützer. Zehn Jahre nach dem arabischen Frühling nehmen im Nahen Osten die sozialen Proteste zu. Ägypten-Korrespondent Karim El-Gawhary und die Nahostexpertin Gudrun Harrer (Standard) erklären die aktuelle Lage. Diese Episode des FALTER-Podcasts wurde im Rahmen einer Online-Veranstaltung des Bruno Kreisky Forum für Internationalen Dialog aufgezeichnet.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!