Die schwarze Woche der Türkisen - FALTER.maily #441

Lukas Matzinger
Versendet am 14.02.2021

für Zeitungsmacher war diese Woche eine Kajakfahrt im Wildbach durch Nebel. Doch für die Volkspartei muss sich KW 6/21 angefühlt haben wie die letzte Meile der Titanic. Kein Tag verging ohne krassen Integritätsverlust, die Türkisen verlebten die schwärzeste Woche seit Langem.

Falls auch Sie den Überblick über die Desaster des Kanzlers verloren haben, hier ist er:

Montag Es sollte Österreichs Antwort auf Amazon sein, doch die Antwort des Landes war Amüsement. Im Herbst waren die Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck und der Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer stolz auf das Online-"Kaufhaus Österreich". Ihre Webseite war beschämend dysfunktional und ist nun de facto Geschichte. Eine 1,2 Millionen Euro teure Peinlichkeit.

Dienstag Zum Ischgl-Jubiläum verantwortet das ÖVP-regierte Tirol wieder einen gefährlichen Corona-Ausbruch. 293 Infizierte mit der südafrikanischen Virusvariante bedeuten das größte Cluster Europas. Das heilige Land ist abgeriegelt, ohne negativen Abstrich kein Entkommen.

Mittwoch Zwei Frauen decken auf, wie ÖVP-besetzte Behörden die Republik lähmen. Im Untersuchungsbericht zum Wiener Terroranschlag dokumentiert die Juristin Ingeborg Zerbes, wie der Staatsschutz den baldigen Attentäter gewähren ließ. Am Nachmittag offenbarte die ehemalige Korruptionsstaatsanwältin Christine Jilek im Ibiza-Untersuchungsausschuss, dass schwarze Polizisten und Justizler sie am Ermitteln hinderten.

Donnerstag Beamte durchsuchen die Wohnung von Finanzminister Gernot Blümel, er ist in der Casinos-Affäre beschuldigt. Als die italienische Novomatic-Tochter Millionen Steuern nachzahlen sollte, kam Blümel bereitwillig einem Wunsch des damaligen Konzernchefs Harald Neumann nach. Er verschaffte ihm 2017 "wegen Spende und eines Problems in Italien" Kontakt zum Generalsekretär des Finanzministeriums.

Freitag Gernot Blümel lehnt seinen Rücktritt ab, in Interviews formuliert er kunstvoll um eine Antwort herum, ob Novomatic an ÖVP-nahe Vereine oder Institute gespendet habe.

Samstag Tausende Widersacher der Pandemiepolitik ziehen "Kurz muss weg"-schreiend durch die Wiener Innenstadt. Die Polizei hatte die Parade verboten und die Beamten von Innenminister Karl Nehammer alle Mühe, die Wutmasse unter Kontrolle zu behalten.

Sonntag Zeit zum Zeitunglesen. Wie beurteilen Österreichs Blattmacher die türkise Titanicwoche? Der Kurier schreibt aufs Cover: "Blümel schwört: Keine Spenden an die ÖVP oder ihre Vereine". Die Presse wägt ab, ob vielleicht "die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft Staat im Staat spielt und Vorwürfe konstruiert, um eine missliebige Regierung loszuwerden." Und Michael Jeannée schreibt in der Krone: "Was angestrebt wird, ist das Platzen der Regierung. Ist die Verzweiflung der Wähler, der Menschen, der Österreicher, die nicht mehr wissen, was es und wie es weitergehen soll."

Die Rettungsboote funktionieren.

Lukas Matzinger

Nur für ÖVP-Funktionäre: Sie haben sich ein paar Minuten Urlaub und Zeitreise verdient. Versuchen Sie es mit den kolumbianischen Schwestern Elia y Elizabeth, die schon vor fast 50 Jahren leichten, modernen Tropenpop sangen. Umgekehrt hat der Turiner Musiker Andrea Laszlo De Simone erst vor Wochen eine bezaubernd gallige Italoballade veröffentlicht, wie es sie eigentlich seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

Am Freitag hat sich ein Falter-Team durch den 600 Seiten dicken Blümel-Akt gegraben. Was hinter der Razzia beim Finanzminister steckt und wieso die Korruptionsermittler so aufs Tempo drücken, lesen Sie hier.

Auch unsere beliebten Kolumnen widmen sich aktuell der schwarzen Woche für die Türkisen. Harry Bergmann stellt sich vor, wie es aussehen würden, wenn die Causa Blümel eine Schachpartie wäre. Und Armin Thurnher denkt in der Seuchenkolumne drüber nach, ob man die Men-in-Black nicht langsam in Men-in-Turquois umbenennen müsste. Hier können Sie unsere Kolumnen abonnieren.


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