Scrollen Sie ruhig weiter! - FALTER.maily #445

Anna Goldenberg
Versendet am 18.02.2021

seit Wochen, ja Monaten, kommuniziere ich mit Familienmitgliedern, Freundinnen und Freunden übers Smartphone und sehe viele von Ihnen nicht persönlich. Es ist eine Ausnahmesituation, schon klar, aber einen Effekt auf das Miteinander muss es doch haben. Oder?

Eine Studie, kürzlich im Fachjournal International Journal of Communication veröffentlicht, an der zwei Angehörige des Instituts für Publizistik der Universität Wien mitgeforscht haben, liefert tröstliche Antworten. Angesehen hat man sich nämlich, welchen Einfluss der Smartphonegebrauch sowohl auf Qualität wie auch Quantität von Kommunikation hat, die von Angesicht zu Angesicht stattfindet. Sprechen wir weniger miteinander, weil wir stattdessen am Smartphone lesen oder uns via Whatsapp ohnehin schon alles gesagt haben? Oder haben wir einander mehr zu erzählen, weil uns das Smartphone Gesprächsstoff liefert?

Befragt wurden 461 Menschen im Frühjahr sowie Sommer 2018. Sie gaben an, wie oft sie mit Freunden und Familien persönlich sprachen, wie hoch die Qualität der Beziehungen sei, und wie sie ihr Smartphone nutzten. Bei letzterem wurde zwischen aktivem oder kommunikativem und passivem Smartphonegebrauch unterschieden. Jemandem eine Nachricht zu schreiben zählt zu ersterem, auf Social Media-Profilen herumzuscrollen ohne zu interagieren zu zweiterem.

Was zeigen die Ergebnisse? Je stärker die kommunikative, aktive Smartphonenutzung im Frühjahr, desto intensiver die persönliche Kommunikation im Sommer. Je mehr wir online kommunizieren, so scheint es, desto mehr haben wir uns dann zu sagen, wenn wir uns sehen. Und umgekehrt: Wer das Smartphone häufiger passiv nutzte, sprach eher weniger von Angesicht zu Angesicht. Verwenden wir das Smartphone, um zu lesen, uns Videos anzusehen oder Radio zu hören, ersetzt es also eher die persönliche Kommunikation.

Natürlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle. Trotzdem sind die Ergebnisse eine tröstliche Nachricht für all jene, die sich davor fürchten, nach Monaten der Whatsapp- und Videocall-Beziehungen wieder unter Menschen zu kommen, wenn der Lockdown vorbei ist. Es wird noch Gesprächsstoff geben! Außerdem: Auf die Qualität der Beziehungen zu Freunden und Familie, also wie gut man sich verstand und verstanden fühlte, hatte die Smartphonenutzung – weder die aktive noch die passive – übrigens überhaupt keinen Effekt. Also scrollen Sie ruhig weiter.

Ihre Anna Goldenberg

Über meine Schwierigkeiten damit, während meiner Corona-Spaziergänge in Wien eine öffentliche Toilette zu finden und mein Hadern damit, für die Erleichterung 50 Cent bezahlen zu müssen, schrieb ich im Falter 05/21. Es ist ein Thema, das sichtlich nicht nur meine Verdauung und mich bewegt, sondern auch viele von Ihnen, wie ich anhand zahlreicher Zuschriften feststellen durfte. Nicht vorenthalten möchte ich Ihnen die Empfehlung eines Lesers: "Da die Heimreise während des Coffee to Go-Trinkens möglicherweise unentspannt wird, sitze ich nun alleine in einem beinahe öffentlichen, beheizten Raum. Heißer Kaffeebecher noch voll. Augengläser laufen nicht an, keine Maske! Zeitung lesend. Eintritt 50 Cent. Es gibt Momente, die irgendwie mit Demut erfüllt sind."

Im FALTER-Radio kommen diese Woche jene zu Wort, die sich als erste gegen die jüngsten Abschiebungen von Kindern und Jugendlichen auf die Beine gestellt haben: ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Buben und Mädchen sowie Lehrer aus der Stubenbastei und der Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe in Wien 10 schildern, wie sie die Abschiebungen und den politischen Diskurs darüber erlebt haben.

In den USA werden Menschen, die als Kinder oder Jugendliche eingereist sind "Dreamer" genannt. Anders als hierzulande erhielten diese Menschen unter Obama ein Aufenthaltsrecht. Und wie sieht es mit den rot-weiß-roten Träumern aus? Über sie hat Nina Horaczek im aktuellen Falter eine Reportage verfasst: eine Geschichte über das Leben in der Illegalität, über Wünsche, Hoffnungen und Ängste.

FPÖ, Rücktrittskultur, Mamas Käsnockerl – entlang von Begriffen und Kochrezepten erklärt die Journalistin Eva Reisinger in ihrem Erstlingswerk "Was geht, Österreich?" die Alpenrepublik – sich selbst, so scheint's, ebenso wie ihren Leserinnen und Lesern. Wie es ist, am Land zwischen Wodkabull und Großraumdisko aufzuwachsen, ob eine Rückkehr aufs Land denkbar ist und ob sie eigentlich Dirndl trägt, bespricht Reisinger in der aktuellen Episode des Buchpodcasts "Besser lesen mit dem Falter" mit Petra Hartlieb. Hören Sie rein!


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