Gipfelstürmer - FALTER.maily #452

Stefanie Panzenböck
Versendet am 26.02.2021

es sind die Berge, die oft für PR-Aktionen des Sebastian Kurz herhalten müssen. Allein im Sommer 2018 waren es drei Wandertage, zu denen das Volk geladen war. Kurz war noch Bundeskanzler und zog mit den Massen auf den Schneeberg, den Schöckl und den Kasberg. Im Juli 2019 – zwischen erster und zweiter Kanzlerschaft – ging es auf den Kreuzberg im Großarltal. Auch dieses Mal folgte man ihm zu Hunderten. Aus dem Pandemiejahr 2020 ist eine Klettertour mit Kurz' slowenischem Amtskollegen Janez Janša überliefert.

Aktuell startet der Kanzler einen Gipfelsturm der anderen Art. Trotz steigender Infektionszahlen werden seit Weihnachten immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens wieder aufgesperrt. Man beginne mit den Skiliften und setze mit Einkaufszentren und Kosmetikstudios fort. Zumindest waren dazwischen auch irgendwo die Schulen dabei. Die Universitäten sind aus der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin verschwunden. Wieso das Gewusel im Handel möglich ist, das Stillsitzen in großen Hörsälen mit zwei Metern Abstand und Maske aber nicht, bleibt ein Rätsel. Im Mittagsjournal kündigte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) heute an, dass ab dem Sommersemester nun vereinzelt Lehrveranstaltungen stattfinden dürfen – Eintrittstests der Studierenden sind dafür die Voraussetzung. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Vergangene Woche lud der Kanzler zu einem Gipfel für Gastronomie und Hotellerie. Seitdem geistert eine mögliche Öffnung der Betriebe ab Mitte März durch die Medien. Nun soll auch ein Sport-Gipfel stattfinden.

Wo bleibt der Kulturgipfel? Wo bleibt das Bemühen des Kanzlers um die "Kulturverliebten", wie er jene Menschen genannt hat, die seltsamerweise noch immer Sehnsucht nach Theater, Kino und Konzerten haben?

Während die Wirtschaftskammer diese Woche einen Gipfel der geschlossenen Branchen veranstaltete, an dem auch Vertreterinnen und Vertreter aus Kunst und Kultur teilnahmen und die für den Bereich zuständige Staatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) im Ö1-Interview konstatiert, dass die Betriebe für Öffnungsschritte bereit seien, ist von der Regierungsspitze zum Thema Kunst und Kultur nach wie vor nichts zu hören. Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht von Einkaufszentren und Skiliften aus. So könnte man meinen.

Es handelt sich hierbei nicht um eine "Neiddebatte" und auch nicht um ein "Gegeneinanderausspielen". Es handelt sich schlicht um Logik. Ähnlich wie Universitäten haben viele Kulturbetriebe Sitzplätze zur Verfügung. Ihre Präventions- und Hygienekonzepte funktionieren perfekt, wie im Sommer 2020 immer wieder überprüft und bestätigt wurde. Abstandhalten und Maskentragen stellen keine Probleme dar. Ganz abgesehen davon, dass schon auf Grundlage der Verfassung Kunst, Kultur und Bildung gegenüber anderen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht schlechter gestellt werden dürfen.

Der Berg der Kunst, Kultur und Bildung will bewandert werden.

Haben Sie ein schönes Wochenende,

Ihre Stefanie Panzenböck

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