Fuck the Fastenzeit - FALTER.maily #453

Lukas Matzinger
Versendet am 28.02.2021

das Korps leerer Flaschen neben den Glascontainern und die Felsen von Pizzaschachteln auf Papierkübeln lassen zwei Schlüsse zu. Erstens: Das Prinzip Après-Test-Party hat sich in den Wohngemeinschaften und Hobbykellern dieser Stadt durchgesetzt. Zweitens: Die Wiener verkehren die vor elf Tagen in Kraft getretene Fastenzeit diesmal ins Gegenteil.

Mit allem Recht.

In den Wochen vor dem Karfreitagsleid tun Katholiken Buße und verzichten aufs Halleluja. Wie Jesus, der 40 Tage durch die Wüste ging, stellen sie ihren Willen asketisch unter Beweis. Bei letzter Gelegenheit haben sie davor noch ausgelassen gefeiert und es Fasching ("Fastenschank") oder Fastnacht genannt.

Nun sollte aber aufgefallen sein, dass die Welt seit einem Jahr bereits die größte Enthaltsamkeitsära der jüngeren Geschichte verlebt. Die Gaststätten und Vergnügungsbetriebe sind geschlossen, die Fortgehlokale fast vergessen. Wir gehen ja schon aufopfernd und sündenfrei durch die Wüste und büßen für vieles. Das Leid, das unserer Vorbereitung bedarf, ist längst über uns gekommen.

Das erste Falterianische Konzil setzt daher fest. In einem Jahr ohne Fastnacht mögen Sie nur mehr auf eines verzichten: aufs Fasten. Die saisonale Selbstbestrafung ist ausgesetzt, im kleinen, verbliebenen Entfaltungsbereich gilt das Sakrament der kleinen Freuden, die Liturgie zielt auf Belohnung ab. Wie viel Buße sollen Sie noch tun?

Es muss nicht immer halbfett sein! Beschweren Sie den doppelten Cheeseburger mit einem Kokos-Sahne-Cocktail. Weg mit der Entschlackungsplörre, auch Vaseline kann munden. Mir ist persönlich ein Fall bekannt, wo unter der Extrabelastung durch notorisches Basenfasten beinahe eine Beziehung zerbrach. Wollen Sie das?

Verabschieden Sie Ihre persönliche Lockerungsverordnung, läuten Sie die Glocken. Die Wörter Kandisin und Clausthaler sind bis auf Widerruf untersagt. Schütten Sie umgehend das Putzwasser weg, das Sie Tee nennen und das die schwarze Lebensflüssigkeit Kaffee ersetzen soll. Eine Schüssel Weißmehl ist ein vollwertiges Frühstück, rauchen Sie zur Sicherheit zwei.

Tu es für dich 😬😘

Lukas Matzinger

Als Garnitur zwei süffige Songs aus dem Jahr 1990, die eine gefühlte Verwandtschaft verbindet. Dieses merkwürdig raumfüllende Lied der schottischen Rockband Cocteau Twins (bei der niemand verwandt ist). Und die schwelgerische Schichttorte zweier Genies vom Dienst, Brian Eno und John Cale (die sich nie wirklich verstanden).

"Wir alle haben es satt", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz am 10. Dezember 2020 zu den Lockdown-Maßnahmen. Seit über einem Jahr bestimmt die Pandemie mittlerweile den Alltag in Österreich, kaum ein Stein ist auf dem anderen geblieben. Insolvente Wirtshäuser, vereinsamte Großeltern und die große Stadtflucht: In unserer aktuellen Coverstory haben wir uns angesehen, wie die Covid-19-Krise das Land verändert hat.

Ein Stückchen neue Normalität schaffen die Sängerin Agnes Palmisano und der Wirt Matthias Hengl in ihrem Heurigen Hengl-Haselbrunner in Döbling. Zwar muss auch der geschlossen halten, doch die seit zehn Jahren jeden Dienstag stattfindenden Wienerlied-Konzerte werden nun unter dem Titel "Wiener Liedkunst" von Kameramann und Fotograf Stephan Mussil aufgenommen und ins Netz gestellt. Durchhalteparolen in Musikform!

In seiner Seuchenkolumne plädiert Armin Thurnher heute für den Erhalt der Wiener Zeitung. "Sie ist ein Denkmal einer Kultur jener Öffentlichkeit, auf der unsere Demokratie beruht, und als solches muss sie erhalten werden", schreibt Thurnher. Hier lesen Sie mehr, hier können Sie die Kolumne abonnieren.


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