Freuen wir sich! - FALTER.maily #459

Armin Thurnher
Versendet am 07.03.2021

ein Jahr Pandemie. Mir fällt eine sich ausbreitende Ungeduld auf, ein Hin-Und-Her-Wetzen in zu Recht als unbequem empfundenen Umständen. Allerorten schabt was an den Nerven, die Stimmung sinkt, die Reizbarkeit steigt, die Infektionszahlen sind außer Kontrolle.

Es ist Sonntag, man ist in allerhand unerfreuliche Auseinandersetzungen verstrickt, die Regierung schwächelt bei allem außer beim medialen Muskelprotzen, aber die Sonne glänzt, und als ich gestern in meiner Seuchenkolumne über Schneckerl Prohaskas Auftritt im Klassik-Treffpunkt von Ö1 schrieb, wurde mir klar, die Menschen wollen nicht nur Nörgelei und, wie das eine Kollegin ausdrückte, das Gekläff der wütenden Meute.

Ich erlebe mit dieser Kolumne, die ich vor ziemlich genau einem Jahr begann und die ich jeden Tag schreibe (abgesehen von jenen Tagen, an denen der Innsbrucker Universitätsprofessor Robert Zangerle die Kolumne mit seinen von epidemiologischem Fachwissen getragenen Beiträgen bereichert), ohnehin Merkwürdiges.

Einerseits steigt der Zuspruch, wenn ich die politischen Führungsfiguren anklage. Andererseits schreiben mir Menschen dankbar, wenn ich zum Beispiel den Opernliebhaber Schneckerl und den wunderbaren Radiosender Ö1 besinge. Dankbar dafür, dass endlich einmal Positives aufscheint. Was nicht ganz gerecht ist, da ich ja auch Poesie und Kochen, Sport und Musik zu ihrem Recht kommen lasse, aber ich sehe ein, dass Sobotka, Blümel, Kurz und der Rest zu oft die Suppe versalzen.

Das vielleicht schönste Mail war ganz kurz: "Ein Bravo für den Artikel und den Hinweis für Ö1 (ganz toll gemacht). Schneckerl und vor allem wir, die mitgelebt, interessiert waren und noch sind, haben ihn verdient. Schön geschrieben!!! Mit freundlichen Grüßen, ein glücklicher Abonnent und eigentlich Rapidler. Aber Ehre wem Ehre gebührt."

Ehre, wem Ehre gebührt! Ein Rapidler zollt einem Austrianer Respekt! Man kann sich ganz unsentimental nach Versöhnendem sehnen. Wenn es Kultur gelingt, ja, einer Sendung mit klassischer Musik, solche Momente zustandezubringen, umso schöner.

Herbert Prohaska ist tatsächlich eine Figur des besseren Österreich. Aus ganz kleinen Verhältnissen Wiener Arbeiter in Simmering, die er nie verleugnet hat, stieg er auf zum Weltstar, ließ es die kleine heimische Welt aber kaum merken oder spüren. Er liebt die Oper, aber er tut nicht so, als sei er nun Opernexperte. Er bildet sich, aber er bildet sich nichts darauf ein. Er ist ein guter Mensch, aber er trägt es nicht vor sich her.

Mit seinen dialektal und herkunftsmäßig bedingten Sprachdefiziten (Dativ, Reflexivpronomen) geht Schneckerl humorvoll und selbstironisch um, wie er im Gespräch mit der glänzenden Moderatorin Elke Taschaikner klar machte. Es ist also nicht alles schlecht im Land, es gibt noch Dinge und Menschen, über die man sich freuen kann. Auch wenn es nicht immer leicht fällt: machma’s. Freuen wir sich!

Armin Thurnher

Die Seuchenkolumne vollendet bald ihren Jahreszyklus; dann wird der Tagesrhythmus etwas gelockert. Aber es wird sie weitergeben. Sie können Sie weiterhin abonnieren, und auch Robert Zangerle schreibt, solange es die Pandemie erfordert. Hier finden Sie alle Beiträge, jene Zangerles sind extra ausgewiesen, und sie können neuerdings mit einer eigenen Funktion in allen Beiträgen suchen.

R-Wert, Inzidenz, exponentielles Wachstum: so faktenbasiert die Pandemiebekämpfung wirkt, so sehr trügt dieser Eindruck, sagt Harald Oberhofer von der Wirtschaftsuniversität Wien im Gespräch mit FALTER-Politikchefin Eva Konzett. "Wir wissen leider sehr wenig über Corona", ist das Fazit von Oberhofer, Professor für Volkswirtschaft und Registerforscher. Die Datenlage für belastbare Aussagen bleibt sehr dünn.

Zum erwähnten Podcast passt Konzetts Übersicht "Wir alle haben es satt", ein Bericht zu einem Jahr Corona-Krise in Österreich, im FALTER 08/21 online.

Das formidable Ö1-Medienmagazin "Doublecheck" widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe dem "Newsletter-Hype", dem Sie als treue Maily-Leserinnen und -Leser erfreulicherweise auch verfallen sein dürften. Warum die "älteste Innovation, seit es Journalismus gibt", bei so vielen Leserinnen und Lesern Anklang findet und wie der Wien-Newsletter FALTER.morgen eine qualitätsvolle Alternative zum Gratisblatt-Boulevard bieten möchten, können Sie noch bis nächsten Freitag hier anhören.

Zur Einstimmung auf den morgigen Internationalen Frauentag empfehlen wir eine Sendung aus unserem Podcast-Archiv. Anlässlich der Premiere des Filmes "Die Dohnal" über die ehemalige österreichische SPÖ-Frauenministerin Johanna Dohnal (1939 – 2010) diskutierten im FALTER-Radio die Regisseurin Sabine Derflinger, Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Maria Rauch-Kallat (ÖVP) sowie FALTER-Kolumnistin Doris Knecht mit Raimund Löw darüber, wie die Frauenbewegung nach Österreich kam, wie Johanna Dohnal das Land veränderte und was noch zu tun bleibt.

„Eine Buchhandlung im 15. Bezirk, nein, das kann nicht gut gehen.“

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