Wie geht's Euch? - FALTER.maily #461

Florian Klenk
Versendet am 09.03.2021

kürzlich haben mich die Eltern von zwei Burschen kontaktiert, 17 Jahre sind die Buben alt, Schüler, seit einem Jahr im Distance-Learning und ausgeschlossen von jenem aufregenden Leben, das eine Jugend prägt. Vereine, Clubs und Lokale haben bekanntlich zu. Es gibt derzeit keine Jugendkultur.

Die Jungs sollen nun je 500 Euro Strafe zahlen oder je 213 Stunden Ersatzfreiheitsstrafe antreten, falls das Geld uneinbringlich ist. So will es die Bezirkshauptmannschaft St. Pölten, "Fachgebiet Strafen".

Das Verbrechen der Schüler: Die beiden trafen zwei Freunde und hörten ein bisschen Musik und zwar an einem Samstagabend von 21 Uhr bis ein Uhr nachts.

Was wichtig ist: Sie haben sich eben nicht in einem ungelüfteten Kellerstüberl getroffen, sie haben keine heimliche Corona-Party in irgendeinem Lokal gefeiert. Nein, sie saßen im Freien auf einem Picknick-Platzerl und hielten den zwei Meter-Abstand ein. Sie wurden nicht wegen Missachtung der Abstandspflicht bestraft, sondern weil sich angeblich "mehr als zwei Haushalte" getroffen hätten.

Man muss sich das einmal vorstellen: Irgendwelche Nachbarn zeigen Teenager an, die auf einem Picknickplatz Musik hören und die Polizei rückt aus.

Die Beamten hätte die Jugendlichen natürlich fragen können, wie es ihnen geht. Sie hätten ergründen können, wie sie mit dieser Isolation zurechtkommen, mit der Pandemie, mit der verlorenen Schulzeit, mit der Einsamkeit. 55 Prozent der Jugendlichen leiden laut einer Studie der Uni Krems und der Meduni Wien an einer depressiven Symptomatik. 55 Prozent, mehr als die Hälfte! 16 Prozent hegen suizidale Gedanken. Also jeder sechste Jugendliche. Mir sitzt noch diese erschreckende Reportage von Lukas Matzinger in den Knochen.

Aber was machen Polizei und Bezirkshauptmannschaft? Sie zeigen die Burschen nach der Covid-Verordnung an. Sie hätten die nächtliche Ausgangssperre missachtet.

Wer das Kleingedruckte in der Covid-Verordnung etwas genauer liest, der erkennt natürlich sofort, dass man auch abends zur "psychischen und physischen Erholung" sehr wohl das Haus verlassen darf. Ganz Wien macht das abends am Donaukanal. Und man darf auch "einzelne Menschen" treffen, sofern man zu ihnen regelmäßig Kontakt hält. Genau das ist hier geschehen.

Die Behördenleiter sollten vielleicht einmal in sich gehen. Ist es wirklich notwendig, Jugendliche so hart anzufassen? Am Stephansplatz macht sich die Polizei regelrecht einen Sport daraus, den Kids nachzurennen, wie ich kürzlich selbst beobachtet habe.

Kann man bitte wieder aufhören damit? Es wäre jetzt eigentlich der Moment, wo der Staat Verständnis zeigen sollte. Denn viele Jugendliche sind am Ende, so wie ihre Eltern auch. Finanziell, nervlich oder beruflich. Sie wegen Nichtigkeiten zu verhaften, zu bestrafen, sie die volle Staatsmacht spüren zu lassen, ist autoritär und unangemessen. Diese Strenge verdeckt bloß die Unfähigkeit des Staates, Impfungen zu managen und endlich einen Covid-sicheren Schulbetrieb zu organisieren. Noch immer wird nicht täglich an Schulen getestet.

Solange die Behörden in der Strafzumessung so agieren (bei den Jugendlichen hätte es auch eine Abmahnung getan), sollte man ihnen jedenfalls auch kein neues hammerhartes Pandemiegesetz in die Hand drücken, wie das Rudolf Anschober und die Grün-Türkisen nun vorhaben.

Halten Sie Abstand

Ihr Florian Klenk

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