Innen- und Außenwahrnehmung - FALTER.maily #469

Birgit Wittstock
Versendet am 18.03.2021

kennen Sie das: Sie kommen das erste Mal seit Langem in ein Ihnen vertrautes Grätzel und auf einmal sieht es dort ganz anders aus als gewohnt? Das Gefühl, dass seit einem Jahr die ganze Welt gelähmt ist, weicht mit einem Schlag der Erkenntnis, dass sich da draußen doch etwas bewegt. So haben sich manche Ecken der Stadt drastisch verändert. Die äußere Mariahilfer Straße zum Beispiel. An ihrem Eingang, dem Europaplatz, wächst – von der Krise unberührt – neben Westbahnhof und Bahnhofcity Wien West der neue City-Ikea. Sechs von sieben Etagen stehen bereits – wir haben vergangene Woche darüber berichtet.

Doch auch gegenüber tut sich etwas: Das seit Jahren verlassene Ecklokal, in dem einst ein Elektronikhändler gegen die Konkurrenz der Ketten auf der inneren Mariahilfer Straße ankämpfte, soll demnächst Lobby eines hier eröffnenden Hotels werden. Und das ist nicht das Einzige. Am Mariahilfer Gürtel, nur ein paar Häuserblocks weiter, ziehen Arbeiter gerade ein Hotel aus Holz hoch. Mit dem geplanten Hostel, das in die oberen Stockwerke des neuen Ikea einziehen soll, macht das dann fünf Nächtigungsbetriebe auf nicht einmal 500 Metern äußerer Mahü. Ambitioniert in einer Zeit, in der niemand weiß, wann reisen wieder möglich sein wird.

Während einige Glücksritter hier also aufs Ganze gehen, haben viele Alteingesessene im letzten Jahr das Handtuch geworfen. Die äußere Mahü galt seit jeher als schwieriges Pflaster, die Krise hat ihr übriges dazu getan. Der Leerstand breitet sich hier aus wie eine Krankheit und streckenweise ist die Straße kaum wiederzuerkennen. So klafft auf Höhe 166-168 nun ein riesiges Loch. Im Juli wurden hier nach langem Rechtsstreit und Verwaltungsgerichtsurteil zwei Biedermeierhäuser abgerissen.

Der Immobilienentwickler Avoris wird demnächst inmitten eines Gründerhausensembles mit dem Bau eines riesigen modernen Wohnbaukomplexes beginnen. 50 Eigentumswohnungen, euphemistisch "Wiener Stadtoase" genannt – der begrünte Innenhof wird selbstverständlich nur den künftigen Eigentümern zur Verfügung stehen. Der Bezirk, dessen Bewohner und Bewohnerinnen über das geringste Einkommen der Stadt verfügen und die dicht zusammengedrängt in kleinen Wohnungen zur Privatmiete leben, konnte gerade mal einen neuen, barrierefreien Gehsteig vor dem Neubau herausschlagen.

Ob die neuen, zahlungskräftigen Wohnungsbesitzer künftig in den kleinen Geschäften im Grätzel einkaufen gehen und der äußeren Mariahilfer Straße beim Aufschwung helfen werden? Eher unwahrscheinlich.

Birgit Wittstock

Sollten Sie sich am Wochenende langweilen und das kalte Wetter Ihnen die Lust auf einen Spaziergang nehmen, dann machen Sie doch einen virtuellen Stadtrundgang: Auf Youtube finden sich diverse Folgen von Elizabeth T. Spiras Alltagsgeschichten. Man kann ihre tendenziösen Fragen und das Ausstellen ihrer Protagonistinnen und Protagonisten kritisieren, doch sind die Filme ein wunderbares Zeitdokument eines in grau, braun und orange gehaltenen Wiens. Etwa die Folge "Wien am Gürtel" aus dem Jahr 1991.

In Falters Zoo erzählt unser Tierkolumnist Peter Iwaniewicz diese Woche, dass die Grönlandwale vor 90 Jahren als erste wildlebende Tierart unter Schutz gestellt wurden. Das sind jene Wale, deren Gesänge in den 1970er und 80er-Jahren auf Platten und CDs erschienen und als solche gerne als Entspannungshilfe verschenkt wurden. Die Entdeckung der faszinierenden Kommunikation der Wale "verdanken" wir übrigens dem Zweiten Weltkrieg, aber lesen Sie selbst!

Wie über Suizid reden? Die aktuelle Ausgabe des FALTER-Podcasts widmet sich diesem großen Tabuthema. Wie können Angehörige, Freundinnen und Freude Betroffenen bei Depressionen helfen, und was können wir aus Suizid in der Familie lernen? Darüber sprechen die BuchautorInnen Golli Marboe ("Notizen an Tobias") und Saskia Jungnikl ("Papa hat sich erschossen"), der Arzt Claudius Stein, FALTER-Journalist Lukas Matzinger und Raimund Löw.

In der aktuellen Folge von "Besser lesen mit dem FALTER" spricht Moderatorin Petra Hartlieb mit der deutschen Autorin Nicola Kabel über deren Debütroman "Kleine Freiheit", erschienen im C.H. Beck Verlag. Darin kümmert sich die Richterin Saskia, gerade vierzig geworden, in Elternzeit um ihre beiden Söhne, während ihr Mann Christian zwischen dem Heimatort in der norddeutschen Provinz und einer Kanzlei in Hamburg pendelt. Doch dann bringt ein geplanter Windpark vor ihrer Haustür Saskias geordnetes Leben ins Wanken.

Sollten Sie dieses Maily direkt nach Erhalt um 19h lesen, findet gerade die Online-Buchpräsentation von "Stille Stadt. Wien und die Corona-Pandemie", erschienen im Falter Verlag statt. Die beiden Buchmacher Peter Payer (Text) und Christopher Mavrič (Fotos) sprechen mit Barbara Tóth (Moderation) über die urbanen Veränderungen während der Corona-Krise. Sie können sich via Facebook oder direkt über unsere Website dazu schalten!


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!