Freiheitsfragen - FALTER.maily #471

Armin Thurnher
Versendet am 21.03.2021

„Alleine, die Moral fordert nicht nur die Beachtung des Rechts gegen andere, sondern setzt zum Recht vielmehr die Gesinnung hinzu, das Recht um des Rechts willen zu respektieren“, kurz: Die Moral fordert, dass das Recht beachtet werde, und behauptet, auch da zu gelten, wo das Recht nicht mehr hinreicht. Das Online-Medium orf.at, das immer wieder mit bedenkenswerten Essays zu aktuellen Themen hervortritt, hat sich heute mit dem Thema Freiheit befasst. Natürlich im Blick auf die Pandemie.

Der eingangs zitierte Philosoph Hegel soll den Verwirrten dieser Tage den Weg weisen. Deine Freiheit, sagt er, endet dort, wo sie andere unfrei macht, beschädigt oder, um aktuell zu bleiben, infiziert.

Man sollte meinen, um das zu erkennen, brauche es keinen längst verstorbenen Philosophen, wie bedeutend er auch sei. Aber der Autor des Textes hat gespürt, was in der Luft liegt: Die Selbstverständlichkeiten des Zusammenlebens lösen sich auf. Die Pandemie spielt dabei die Rolle des Brandbeschleunigers. Liegt es daran, dass uns die Begründungen abhanden gekommen sind? Dass wir die falschen Begründungen haben? Oder überhaupt keine mehr?

Viele pochen jetzt auf ihre Freiheitsrechte, die, etwas weitergedacht, nur auf Kosten anderer existieren. Das gilt für die Pandemie, das gilt aber auch für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Früher galt im Wettbewerb der Systeme, der Osten ("Realsozialismus") stehe für Gleichheit, der Westen für Freiheit. Dass auch das westliche System einen Namen hatte, sagte man selten dazu. Wir leben im Neoliberalismus der Oligopole, aber wer nennt es bei seinem Namen? Es ist so, als hätten Menschen in Moskau 1980 nicht gewusst, dass sie im Kommunismus leben.

Wir hier in Österreich leben in einer Mischform; wir haben noch Reste des Sozialstaats. Aber er wird längst von einer Art Freiheitsstaat überlagert (das ist der Staat, in dem die Besitzenden so frei sind, den Staat nach ihren Vorstellungen zu machen). Und, so mein Verdacht, dieser Staat braucht keine Begründung mehr. Er begnügt sich mit halluzinierten oder vorgeschobenen Begründungen. Deswegen wird öffentlich so viel und so durchsichtig gelogen wie nie. Deswegen glauben manche, das mache nichts, man komme eh damit durch, und Sebastian Kurz sei auf ewig Bundeskanzler, ganz gleich, was er und seine Kolleginnen uns vorschwanern. Aber das stimmt nicht.

Gelogen wurde und wird in Politik, Wirtschaft und Diplomatie immer, genauso wie im Alltagsleben. Das Problem beginnt, wenn die Lüge pandemisch wird. Wenn sie alles infiziert. Wenn keiner mehr weiß, was wahr ist. Dann fühlen sich die Individuen so frei, zu tun und zu glauben, was sie wollen. Dann schlägt die Stunde der skrupellosen Verführer. Ob Hegel dagegen hilft? Und wo wäre eine Politik, die Begründungen hat? Oder nur darum ringt? Deren Führungspersonal wir seine Begründungen glauben können?

Am Sonntagabend wird man einmal fragen dürfen. Ich wünsche Ihnen trotz vieler offener Fragen eine schöne Woche.

Armin Thurnher

Heute ist übrigens Welttag der Poesie. Da ich diese Welttage nicht besonders mag, Poesie aber umso mehr, habe ich die Poesie nicht zum Gegenstand dieses Mailys gemacht. Darf aber darauf hinweisen, dass ich auf Twitter täglich mit dem Kollegen Claus Pándi Gedichte ausstelle (er zwei, ich eines, kein eigenes); wobei sich diese Kooperation völlig abseits unserer jeweiligen Medien abspielt: es geht nur um Gedichte. Auch in der Seuchenkolumne geht es immer wieder um Poesie, zum Beispiel hier.

In der Seuchenkolumne selbst ist heute und morgen wieder Epidemiologe Robert Zangerle am Wort. Heute beantwortet er die nicht uninteressante Frage, wie es sich mit Sex und Corona verhält. Morgen setzt er sich mit den voraussehbaren Corona-Verschärfungen der Regierung auseinander.

Ein schönes Stück Medienkritik lesen wir beim deutschen medienkritischen Webmedium Übermedien. Der Virologe Hendrick Streeck, der neuerdings im ZDF als geläuterter neutraler Experte auftritt, hat viele Menschen zu unheilvollen Fehleinschätzungen angestiftet. Christian Schwägerl demontiert ihn in einem eleganten Lehrstück.

Seit Jahren werden Menschen beim Versuch, die Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien zu übertreten, gewaltsam daran abgehalten und zurückgedrängt. Im Gespräch "SOS Balkanroute: Menschenrechtsverletzungen vor unserer Haustür" mit Falter-Chefreporterin Nina Horaczek erzählt Hasan Ulukisa, der als Aktivist bei SOS Balkanroute humanitäre Hilfe in den Flüchtlingscamps in Bosnien und Herzegowina leistet, von seiner Arbeit. Diese Episode ist ein Mitschnitt einer Online-Veranstaltung vom Bruno Kreisky Forum Wien vom 1. März 2021.

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