Stoppt die Polizei - FALTER.maily #473

Florian Klenk
Versendet am 23.03.2021

seit einem Jahr können Österreichs Jugendliche im Grunde genommen kein normales Leben mehr führen. Die Schulen sind oft geschlossen, Sportvereine pausieren, Clubs und Jugendzentren sind zu. Die Klassenzimmer sind für Schüler nur an zwei Tagen betretbar, drei Tage gibt es "Distance-Learning" oder "Lernstationen", in Wahrheit sitzen die Kids dann alleine vor den Computern und vereinsamen zu Hause.

55 Prozent sind laut einer Studie der Donau-Uni Krems in depressiver Stimmung, 16 Prozent haben schon einmal an Selbstmord gedacht. Es ist eine Katastrophe. Von der häuslichen Gewalt, von der wir aufgrund der Lockdowns wenig erfahren, gar nicht zu reden.

In Jahr zwei der Pandemie hat es die Regierung immer noch nicht geschafft, den Jugendlichen jene Aufmerksamkeit zu schenken, die sie brauchen. Noch immer gibt es an den Schulen keine PCR-Tests (dabei wäre das längst möglich), wie Nina Horaczek in ihrem dieswöchigen Kommentar kritisiert. Noch immer sind viele LehrerInnen nicht geimpft. Eine einheitliche Plattform für digitales Unterrichten gibt es auch nicht. Von Gratis-Laptops ganz zu schweigen.

Dafür ist die Polizei aggressiv, wenn es ums Strafen geht. Am Stephansplatz lässt Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl ein regelrechtes Anzeigengewitter gegen Jugendliche zu, wie Lukas Matzinger in dieser erschreckenden Reportage beobachtet hat. Angeblich, weil die Kids dort zu wenig Abstand halten. Sie dürfen ihr Taschengeld abliefern (90 Euro Strafe) oder auch das Arbeitslosengeld der Eltern. Sogar unser Stadtleben-Ressortleiter Lukas Matzinger kassierte eine Anzeige, weil er Falter-Fotograf Christopher Mavrič 50 Zentimeter zu nahe kam. An die 300 Euro sollen die beiden in Summe dafür bezahlen.

Die Art, wie sich Österreichs Verantwortliche gegenüber unseren Kindern verhalten, ist schlicht beschämend und es bleibt zu hoffen, dass die Behörden diese Strafwut umgehend einstellen. Die Unfähigkeit in der Schulministerialbürokratie gepaart mit Mikro-Aggression gegenüber den Jüngsten ist unwürdig. Anstatt die Kids in der Innenstadt zu fragen, wie es ihnen geht und ob ihnen etwas fehlt, anstatt mit Sozialarbeiterin hineinzuhören, was zu Hause los ist, werden sie mit einer Repression bedacht, die auch das Rote Wien – und hier vor allem auch der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und sein Neos-Vize Christoph Wiederkehr – nicht länger dulden dürfen. Das muss aufhören. Das widerspricht so ziemlich allen Grundsätzen jener Jugendwohlfahrt, die diese Stadt angeblich so hochhält. Es wird Zeit, dass die rot-pinke Stadtregierung gemeinsam mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft den Polizeipräsidenten zurückpfeift – und der grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober die Strafen gegen Jugendliche per Verordnung dramatisch reduziert. So kann das jedenfalls nicht weitergehen.

Die Jugend erlebt den Staat als Feind. Das wird nachwirken. Das kann niemand wollen.

Haltet inne,

Florian Klenk

Und jetzt etwas Erfreuliches. Wir haben – Trommelwirbel – wieder etwas Neues im Angebot. Der Falter hat ab sofort ein Natur-Ressort und – Trommelwirbel – einen neuen Natur-Newsletter. Sie können ihn unter falter.at/natur kostenlos abonnieren, und schon landet er jeden Freitag in Ihrem Postfach. Geleitet werden Newsletter und Ressort von unserem Umweltexperten Benedikt Narodoslawksy, der gemeinsam mit Gerlinde Pölsler und Peter Iwaniewicz jede Woche nicht nur über Klimawandel, Landwirtschaft, Versiegelung und die Energiewende berichten wird, sondern auch über die Schönheit und Faszination der Tier- und Pflanzenwelt. Diese Woche eröffnet Narodoslawsky das Ressort mit einer Vermessung der österreichischen Umwelt. Seine Bilanz ist überraschend.

Kollege Narodoslawsky ist ein echter Kenner der nationalen und internationalen Klimaszene. Für sein Buch "Inside Fridays for Future" sprach er nicht nur mit den Führungsfiguren der Bewegung von Greta Thunberg abwärts, sondern bereitete auch die harten Fakten rund um den Klimawandel und die davon ausgehenden Bedrohungen gut nachvollziehbar und kompakt auf. Das müssen Sie gelesen haben!

Was Sie sonst diese Woche im FALTER erwartet: Wie Kanzler Kurz den Impfnationalismus auf die Spitze treibt, um von eigenen Fehlern abzulenken und das ohne auf die Europäische Union – oder die Wahrheit – Rücksicht zu nehmen. Wie der ORF-Anchor Martin Thür mit journalistischer Präzision und Excel-Sheets das Fernsehpublikum für sich einnimmt und nebenbei für die Informationsfreiheit kämpft. Matthias Dusini liefert eine differenzierte Kritik der sogenannten Identitätspolitik ab, in der er auch die Dünnhäutigkeit fragiler Männlichkeit nicht ausspart. Nina Horaczek geht einer Frage nach, die derzeit viele Eltern umtreibt: Wie gefährlich ist MIS-C, an dem Kinder nach einer Corona-Infektion erkranken können?

"Meine antipatriarchale Haltung ist immer da, ich möchte sie selbst dann verkörpern, wenn ich den schmachtendsten Lovesong aller Zeiten vortrage", sagt Mira Lu Kovacs in der Titelgeschichte der neuen Falter:Woche. Anlässlich ihres Solodebüts spricht die Wiener Musikerin mit Gerhard Stöger über Lampenfieber, Trostlieder und Butter-Pancakes, über ihre Corona-Infektion, das Projekt Welteroberung und Jack Whites Sex-Appeal. Weiters informiert unsere Kultur- und Programmbeilage über virtuelle und echte Veranstaltungen zwischen Poetry-Slam, Theater, Kunst und Film; in der Fotostrecke Leuchtkasten" porträtiert Karin Wasner Menschen, die auf unterschiedliche Art anderen Helfen, und der Kabarettist Christoph Fritz beschreibt in der Reihe "Aus meiner Festung" launig seinen Pandemie-Alltag.

In der neuen Podcast-Folge spricht der Satiriker Florian Scheuba über die Evangelien der Glaubensgemeinschaft "Kurzology" und über jenen ÖVP-Parlamentarier, der auch offiziell von Novomatic bezahlt wurde. Mit seinem Gast, der formidablen SZ-Korrespondentin Cathrin Kahlweit, spricht Scheuba über brodelnde Gerüchteküchen und die Austrifizierung deutscher Politik. Wie immer gleichermaßen klug wie unterhaltsam. Hören Sie rein!

Das neue Buch aus dem Falter Verlag "Die Welt danach" von Bernd Marin liefert Antworten auf häufig gestellte Fragen rund um die Corona-Krisen. Was war ausschlaggebender für den Verlauf der Krisen: Glück und Pech oder Politik, Seuchen-(Miss-)Management und bürokratische Indolenz? Warum hat Europa Italien im Stich gelassen? Und: Wie wollen wir in Zukunft leben?

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