Ich habe genug - FALTER.maily #483

Armin Thurnher
Versendet am 04.04.2021

"Ich habe genug", ist der Titel einer der populärsten Kantaten des großen Komponisten Johann Sebastian Bach, dessen Passionen zu Ostern gern gespielt werden. Es ist eine Kantate voller eingängiger Melodien und fern jeder Unduldsamkeit. Seiner Frau Anna Magdalena notierte Bach Transkriptionen der schönsten Stellen in ihr Notenbüchlein. Sanftmütig fügt sich die Seele in ihr Los und erwartet den Tod.

Ich habe genug, sage ich auch als österreichischer Staatsbürger. Ich meine das keineswegs sanft und gefügig. Bin mir allerdings nicht sicher, woran andere dabei denken würden. An Corona? Oder doch an das Treiben der türkisen Regierungspartei? Oder lässt sich das nicht mehr voneinander trennen?

Der Kanzler, hingerissen von sich selbst und seinem Wirken, hat wieder einmal ein Lichtlein am Ende von irgendwas entzündet und den Mai zum "Wendepunkt" der Corona-Krise erklärt. Dieses gnaden- und verantwortungslose Beharren darauf, falsche Hoffnungen zu wecken, soll natürlich nur ablenken vom umfassenden Desaster, das ihn umgibt, der versprach, einen neuen Stil in die Politik zu bringen.

Der dieser Tage verstorbene große Journalist Hugo Portisch kämpfte sein Leben lang gegen die österreichische Proporzwirtschaft. Viele litten darunter, weil sie erleben mussten, wie ihnen weniger qualifizierte Menschen in der Karriere vorgezogen werden, bloß weil sie das "richtige" Parteibuch hatten. Das trieb durchaus vernünftige Menschen aus Empörung in die Hände der rechten Verführer.

Portisch, in der US-amerikanischen Nachkriegsdemokratie geschult, kämpfte dagegen. Teilweise hatte er dabei Erfolg, etwa beim von ihm mitinitiierten Rundfunkvolksbegehren, das kurzfristig die parteipolitische Durchseuchung des ORF beendete. Im kommenden Falter lesen Sie Würdigungen seines Werks von Raimund Löw und Oliver Rathkolb; danach werden sie verstehen, warum die österreichischen Medien in ihren Nachrufen meist ein weichgezeichnet-diffuses Bild Portischs brachten.

Sebastian Kurz jedenfalls nützte die fortgesetzte Unzufriedenheit mit solchen Zuständen und versprach, damit Schluss zu machen. Nun zeigt sich in einer Flut von öffentlich gewordenen Chats, in Dokumenten, die der Ibiza-Untersuchungsausschuss sichtbar macht und im Agieren seines Umfelds, dass das Versprechen des Neuen Stils nicht nur eine Lüge war, sondern dass die Kurz-Gang es noch schlimmer treibt als ihre Vorgänger: Kurz-Intimus Thomas Schmid, nunmehr Vorstand der mächtigen Öbag, die alle Staatsanteile an Unternehmen verwaltet, verfasste die Ausschreibung für diesen Job bequemerweise gleich selbst. Als es funktionierte, busselte er "seinen Kanzler" virtuell, aber feucht ab.

Der neue Stil ist der uralte Stil, nur verbrämt mit Attacken auf eine unabhängige Justiz, die solche Umtriebe aufdeckte, und getarnt durch eine Medienbeeinflussung, die bei jeder rotschwarzen Regierung zu höllischem "Stillstand"-Geschrei und überhaupt infernalischem Aufheulen der Medien geführt hätte. Kurz schafft das Wunder, die Boulevardmedien stillzustellen. Mit Abermillionen an Inseratengeld, das er freihändig unter jene verteilt, die ihm die Mauer machen. Während seriöse ausländische Medien fragen, wie solche Zustände ohne Rücktritte der Verantwortlichen möglich sind, erfahren viele Österreicherinnen und Österreicher gar nichts davon oder nur am Rande, als wären es Bagatellen.

Für die Bekämpfung von Corona, für die Hilfe vor allem für die kleinen Geschädigten, für die verantwortungsvolle Kommunikation mit der Bevölkerung oder gar für die Mitkonzeption einer solidarischen europäischen Corona-Politik bleibt da keine Zeit. Das alles wird mit einem Übermut kaschiert oder weggeleugnet, der unerträglich wird. Kurz und seine Gang scheinen den Neuen Stil mit dem Slogan "Anything goes" verwechselt zu haben.

Wie auch immer: Ich habe genug. Es ist genug. Trotzdem frohe Ostern und eine gute Woche,

Armin Thurnher

Wer nicht auf das Geschwurbel der Regierung in Sachen Corona angewiesen sein will, hat die kompetenten Veröffentlichungen des Innsbrucker Epidemiologen Robert Zangerle längst schätzen gelernt, die er exklusiv in der Seuchenkolumne veröffentlicht. Das wissen Sie. Vielleicht ist Ihnen aber entgangen, dass es jetzt auch eine eigene Suchfunktion gibt, mit der sie seine Kolumnen durchsuchen können.

Florian Klenk hat zusammengefasst, was das beschlagnahmte Handy des mächtigen Sektionschefs Christian Pilnacek erzählt. Ein Milieu aus ÖVP und Justiz wird sichtbar, das zu schlimmsten Vermutungen nicht nur Anlass gibt, sondern dazu vermutlich Evidenz liefert.

Wer wissen will, wie es auf Intensivstationen wegen Corona zugeht und was die Menschen dort leisten, sollte diese Reportage von Nina Horaczek lesen. Pflichtlektüre für Maskenverweigerer!

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