Wir müssen reden! (Und zuhören) - FALTER.maily #489

Klaus Nüchtern
Versendet am 12.04.2021

sieht man von dem alles beherrschenden und uns alle betreffenden Thema einmal ab, dann entzünden sich die hitzigsten Auseinandersetzungen, die man derzeit in den Medien verfolgen kann, an den Fragen der sogenannten Identitätspolitik. Wer hätte noch vor wenigen Wochen gedacht, dass man sich über die Fragen der Übersetzung von Gedichten so nachhaltig, ja erbittert streiten kann? Zuletzt hat der Grazer Schriftsteller und Psychoanalytiker Sama Maani in seinem pointierten und lesenswerten Kommentar "Entkunstung eines Gedichts" in der "Amanda-Gorman-Debatte" Stellung genommen und der Identitätspolitik vorgeworfen, Diskriminierung nicht zu bekämpfen, sondern vielmehr fortzuschreiben.

Dass die Debatten im Umgang mit den Kategorien Race und Gender die Linke zu spalten drohen beziehungsweise bereits längst gespalten haben, belegt auch das vielfach rezipierte und diskutierte, im Vorjahr erschienene Buch "Generation beleidigt" der französischen Feministin, Filmemacherin und Schriftstellerin Caroline Fourest "über den wachsenden Einfluss linker Identitärer"; Matthias Dusini hat sich im Feuilleton unlängst ausführlich damit auseinandergesetzt.

Aus Frankreich kommt auch der jüngste Anlassfall identitätspolitischer Erregung. Die seit über hundert Jahren bestehende traditionsreichste Linke Studierendengewerkschaft Unef (Union nationale des étudiants de France) war wegen ihrer Praxis, nach Geschlecht und Hautfarbe getrennte Treffen abzuhalten, heftig kritisiert worden; der konservative Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hatte gar die Faschismuskeule geschwungen – "Race" als oberste Kategorie der "Diskriminierung", das hatten wir doch schon mal?

Hier sollten wir vielleicht kurz innehalten. Wer allen Ernstes die Auffassung vertritt, dass über einen "authentischen" Gender/Race/Class-Identity-Mix verfügen müsse, um sich zu den entsprechenden Themen überhaupt äußern zu dürfen, winkt den Essentialismus, der doch angeblich bekämpft werden soll, wieder durch die Hintertür herein. Dann wären etwa nur Frauen für "Frauenthemen" und People of Colour irgendwie für "Rassismus" zuständig. Als ob es nicht einer Gesellschaft als ganzer aufgegeben wäre, Ungleichheiten zu beseitigen und Geschwisterlichkeit zu etablieren; als ob die Emanzipation der Unterdrückten nicht auch die Unterdrücker davon befreite, dumme und bornierte Ungustln bleiben zu müssen.

Den Vorwurf, lieber den Bekehrten zu predigen und die Ungläubigen zu beschämen, anstatt diese zu bekehren und ins Boot zu holen, wird man den "linken Identitären" nicht ersparen können. Umgekehrt darf man den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft aber auch ein gewisses Maß an Selbstreflexion und Selbstzurücknahme abverlangen. Wer nie erleben musste, dass seine/ihre Identität angezweifelt und infrage gestellt wurde, kann naturgemäß leicht auf Identitätspolitik verzichten. Dass diejenigen, die in der Sandkiste schon immer die größte Schaufel hatten, jetzt – "buhuhu" – ganz fertig sind, wenn sie einmal nicht mitspielen dürfen, ist schon bisschen selbstmitleidig. Bloß weil Menschen mit nicht-hegemonialer Pigmentierung mal unter sich bleiben wollen, bricht nicht gleich ein invers-rassistischer Faschismus aus. Es stünde den Buben mit den großen Schaufeln nicht schlecht an, einfach auch mal zuzuhören, bevor sie wieder dazu ansetzen, dem Rest der Menschheit die Welt zu erklären.

In Frankreich und anderswo erleben wir soeben das Ende der homogenen Gesellschaft. Die homogene Gesellschaft, die immer schon eine – mitunter freilich: funktionierende – Fiktion war, "produziert Selbstverständlichkeit". Damit ist es, wie Isolde Charim in ihrem Buch "Ich und die Anderen" beschrieben hat, nun vorbei. Wir befinden uns in einer Ära, in der viele der alten Selbstverständlichkeiten zerbröseln und neue im Entstehen sind. Irgendwann wird es selbstverständlich sein, dass sich People of Color nicht mehr fragen lassen müssen, woher sie "wirklich" herkommen, ja dass sie sich gar nicht mehr als solche begreifen (müssen) – weil’s nämlich wurscht ist.

Für Menschen, die im Zuge der Umverteilung von Aufmerksamkeit, Privilegien und Selbstverständlichkeit etwas abgeben müssen, sind solche Prozesse immer auch ein schmerzhaft: sie reagieren verunsichert, gekränkt, depressiv. Auch dafür sollte man ein bisschen Verständnis und Empathie aufbringen. Helfen Sie also auch alten weißen Männern über die Straße oder, besser noch, spendieren Sie ihnen einen Drink. Und: Bleiben wir im Gespräch!

Klaus Nüchtern

Die afroamerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks kritisiert in ihrem Buch "Die Bedeutung von Klasse" den Umstand, dass dieses Thema nicht mehr so "cool" und "angesagt" sei wie Race und Gender. An diese unabweisbare Einsicht knüpfen Maria Barankow und Christian Baron im Vorwort zu der von ihnen herausgegebenen Anthologie "Klasse und Kampf" an. Sie enthält 14 sehr unterschiedliche, genremäßig zwischen Short Story, Autofiction und Pamphlet angesiedelte Beiträge, u.a. von: Bov Bjerg, Kübra Gümüşay, Schorsch Kamerun, Clemens Mayer, Katja Oskamp und Sharon Dodua Otoo.

Zur oben erwähnten Amanda-Gorman-Debatte habe ich ebenfalls einen kurzen Kommentar verfasst. Noch nie in den über dreißig Jahren meiner Tätigkeit als Journalist habe ich so viele kontroverse Reaktionen erhalten. An meinen Argumenten halte ich fest. Allerdings soll man sich nicht dagegen wehren, gescheiter zu werden. Die holländische Übersetzungswissenschaftlerin Haidee Kotze hat eine sehr kluge und einlässliche Analyse dazu verfasst, worum es in der von Janice Deul angestoßenen Debatte um die Übersetzung wirklich geht und was von vielen (auch von mir) übersehen wurde – Sie finden sie hier.

In der April-Ausgabe der Literatur-Talkshow "Tea for Three", die wie schon in den letzten Monaten in realphysischer Präsenz der Diskutierenden (aber leider ohne anwesendes Publikum) stattfindet, sprechen Daniela Strigl und ich diesmal mit dem Falter-Leser:innen vertrauten Publizisten und Urbanisten Maik Novotny über Bücher von Daniel Wisser, Franz Schuh und Heinrich Mann. Die Diskussion können Sie wie stets auf dem Youtube-Kanal der Büchereien Wien live verfolgen und nachschauen.

Der Saxofon-Gigant Archie Shepp (Jg. 1937) hat vor vier Jahren eine Konzerttournee mit dem um ein paar Jahrzehnterl jüngeren Pianisten Jason Moran absolviert. Ein Live-Mitschnitt davon ist soeben unter dem Titel "Let My People Go" erschienen. Es handelt sich um Jazz-Standards von Billy Strayhorn, Thelonious Monk und John Coltrane oder um Spirituals wie das schmerzhaft schöne und nackenhaarsträubende "Somtimes I Feel Like a Motherless Child".


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