Der Abgang des Rudolf Anschober - FALTER.maily #490

Eva Maria Konzett
Versendet am 13.04.2021

an einem Tag, als Rudolf Anschober noch nicht Gesundheitsminister war, sprach er einen prophetischen Satz. Der 4. Jänner 2020, abends in der Westbahn nach Wien: Gerade hatten die Grünen Delegierten am Bundeskongress in Salzburg mit 93 Prozent für den Koalitionsvertrag mit der ÖVP gestimmt. Anschober, der in Oberösterreich gereifte Sozialpolitiker, sollte das Sozialministerium übernehmen. "Ab Tag eins in der Regierung geht das Verhandeln erst richtig los", sagte er damals und ließ sich in den Zugsitz fallen. Neben ihm ein üppiger Blumenstrauß. Drei Tage später gelobte ihn der Bundespräsident an.

Heute, 465 Tage später, tritt Anschober um 9:43 Uhr zum letzten Mal als Gesundheitsminister vor die Kameras. Ist es eine Kunstpause oder braucht er diese Sekunde, um sich zu sammeln? "Ja", sagt Anschober. Er räuspert sich. Und dann: "Meine sehr geehrte Damen und Herren." Der Tonfall, die Unterbrechungen. Völlig klar, dass da einer seine Abschiedsrede hält. Zwischen der Zugfahrt und seiner Worte im Gobelinsaal des Sozialministeriums liegen zeitlich nur 15 Monate, politisch aber eine Zäsur: Die Covid-Pandemie. Und für Anschober die Erkenntnis, dass "Verhandeln" in der Politik eine Disziplin darstellt, die mitunter sehr tieffliegende Hackeln bedeuten kann.

Anschober zählt auf, was er alles auf den Weg gebracht hat. Die Pflegereform, eine neue Kennzeichnung für Lebensmittel in der Gastronomie, die Altersarmut der Frauen seien ein großes Thema, Prävention auch. Das alles habe man in Vorbereitung. Aber eben nur. Die Schwerpunkte, die Anschober in seiner Regierungszeit hätte setzen wollen, das Virus hat sie ihm vergällt.

Er war als Sozialpolitiker mit Perspektive an den Stubenring 1 gezogen. Und musste sich dann als Gesundheitsminister mit einer Jahrhundertpandemie herumschlagen. Im 14. Monat der Covid-Krise zählen in der Öffentlichkeit aber nicht ausgeklügelte Fachkonzepte für die Zukunft, sondern das Pandemiemanagement im Jetzt. Die Herausforderungen seien für Äußere kaum nachvollziehbar gewesen, auch das sagt Anschober. Erfolgreich sei man immer dann gewesen, wenn gemeinsam gearbeitet wurde. Eine weitere Atempause verrät, dass es mit den Türkisen eben nicht immer so war. Der scheidende Gesundheitsminister wird den Koalitionspartner in seiner Abschiedsrede mit keinem Wort erwähnen.

"Ich bin überarbeitet und ausgepowert. Das ist es."

Österreich? Das stehe eigentlich gut da: "Beinahe Testweltmeister", schon "2,2 Millionen Impfbare" zumindest erstgeimpft. Tatsächlich könnten die steigende Impfrate, die beherzten Lockdown-Maßnahmen in der Ostregion und das zuletzt gute Wetter dem Virus einen Strich durch die Rechnung machen. Wenn einer dafür den Erfolg einheimsen wird, ist es Anschobers Nachfolger Wolfgang Mückstein, ein Wiener Allgemeinmediziner. Vom medizinischen Fach, in der grünen Partei wohlgelitten, in der hohen Politik aber unbestallt.

Wird er das Gesundheitsministerium - "das Steuerungszentrum" der Pandemie (Anschober) - gegen den Koalitionspartner und die Länder zur Kommandobrücke erheben können?

Anschobers Sache ist das nicht mehr. 28 Minuten und drei Sekunden hat der Mann referiert. Dann tritt er ab. Kein Blumenstrauß ist da. Nur eine weiße FFP2-Maske. Rudolf Anschober hat es hinter sich.

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Eva Maria Konzett

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