Ein Wort zum Sonntag - FALTER.maily #494

Armin Thurnher
Versendet am 18.04.2021

es trifft sich, dass ich Ihnen immer am Sonntag schreiben darf. Ob da terminplanerische Absicht dahintersteckt, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß aber noch, was eine Sonntagspredigt ist. In meiner Jugend hatten wir einen feurig sprechenden Kaplan, einen Jesuiten, dessen Worte von der Kanzel das Volk entzündeten und zu Gesprächen nach der Kirche inspirierten; selbst wir Kinder, die oft nicht verstanden, wovon die Rede war, merkten den Effekt und lehnten uns innerlich zurück, wenn andere am Wort waren, Lauwarme, Langweiler, müde alte Säcke.

Der junge Kaplan hatte eine Idee. Er wollte in der wachsenden Kleinstadt eine Pfarre gründen, eine Kirche bauen, mit neuer Architektur, einem Zelt gleich, wo das Kirchenvolk näher beim Prediger sein sollte, und er von Angesicht zu Angesicht, nicht mit dem Rücken zum Volk die Messe zelebrieren würde. Es war die Nachära des Vatikanischen Konzils, überall spürte man Aufbruch, und bald kam 1968. Es ist also schon sehr lange her, eine prähistorische Zeit.

Auch wenn ich mich längst von der Kirche abgewendet habe, denke ich manchmal an diesen Kaplan. Er hatte Ziele. Er wollte sein Kirchenvolk verführen, ein bisschen für sich und seine neue Pfarre, mehr aber doch für anderes, für Moralität, für eine gerechtere Behandlung der Dritten Welt und gegen mancherlei Unrecht. Und er gewann sie, indem er gegen sie sprach, nicht ihnen in den Hintern kroch.

Wie hätte er in der Zeit der Pandemie zum Volk gesprochen? Hätte er ihm gesagt, wir könnten zufrieden mit uns sein, denn wir hätten nun den Impfturbo eingeschaltet? Wir hätten allen Grund, uns auf die Schulter zu klopfen, denn wir seien bereits wieder unter den besten zehn europäischen Nationen? Ja, in irgendwas sind wir sicher Weltmeister, vermutlich in der Großsprecherei.

Während woanders Gedenkfeiern für die Opfer der Pandemie stattfinden, veranstalten sie bei uns in den Medien Dankfeiern für den tüchtigen jungen Führer durch den langen Tunnel.

Ich aber sage euch, es wird eine Zeit kommen, da wird man Bilanz ziehen über die Führer und Prediger in dieser Seuchenzeit, und es wird keine gute Bilanz sein. Diese Prediger schafften es nicht, ein angemessenes Verhalten zu propagieren. Sie schafften es vielmehr, das Volk zum Abducken zu inspirieren und zu seiner üblichen Haltung anzustiften, man könne ihm den Buckel hinunterrutschen. Sie schafften es nicht, ihm und uns klarzumachen, was verantwortliches Handeln ist, weil sie uns selbst das Gegenteil dieses Handelns vormachten: stets zuerst im Eigeninteresse unterwegs. Stets falsche Hoffnungen erweckend, stets den richtigen Ton verfehlend, stets auf sich selbst schielend, ob sie wohl gute Figur machen, wie es ihren Vertrauenswerten geht, ob man sie wohl wieder wählen würde.

Aber ein falsches Theater bleibt ein falsches Theater, auch wenn es scheinbar ein gutes Ende findet: im nächsten Theater.

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche,

Ihr Armin Thurnher

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