Die Liga des Bösen - FALTER.maily #500

Lukas Matzinger
Versendet am 25.04.2021

Ich bin Liverpool-Fan. Ein Fußballverein, vor 129 Jahren einer Arbeitersiedlung entsprungen, in den 1960er-Jahren durch den Trainer und Linken Bill Shankly zu sportlichen und sozialen Würden gebracht und nun vom Schwarzwälder Dübelvertretersohn Jürgen Klopp zurück auf den Gipfel geführt.

Heute vor einer Woche hat sich der FC Liverpool vergessen. Mit Topklubs von Real Madrid bis Juventus Turin schlichen sie hinter dem Rücken der Verbände in eine Super League, deren 193 Saisonspiele Knete bringen und aus der die Stammvereine nicht absteigen sollten. Die US-amerikanische Bank JPMorgan Chase sollte das Sektierer-Start-Up über eine luxemburgische Gesellschaft mit 3,5 Milliarden Euro finanzieren.

Die Super League bedeutete das Ende des Fußballs, wie wir ihn kennen. Sie hätte die bisherige Champions League zu einem Treffen der B-Schüler gemacht, in ihren Nationalligen hätten sich die Großen nicht mehr anstrengen müssen, um einen europäischen Pokal ausspielen zu dürfen. Ein obszöner Trieb des Kapitalismus: Geld zu monopolisieren, ohne sich lästigem Wettbewerb stellen zu müssen.

Letztlich funktioniert die Fußballelite wie ein Dorfteam: Man nehme das Geld von zahlenden Fans und werbewilligen Unternehmen und bezahle damit Sportplätze und Spielerschecks. Leider wirtschaften Spitzenklubs viel schlechter als die Unterligaobleute, die selbsternannten Super-League-Starter sollen jeweils mit 125 Millionen (FC Arsenal) bis 1,5 Milliarden Euro (FC Chelsea) verschuldet sein. Der Weltfußball ist eine Blase, man überbietet einander mit Geld, das man nicht hat.

Anstatt nun den portugiesischen Stürmer Diogo Jota vielleicht nicht für 45 Millionen Euro zu kaufen und dem brasilianischen Mittelfeldspieler Thiago vielleicht nicht 230.000 Euro pro Woche zu überweisen, ist der FC Liverpool auf die schändliche Idee gekommen, sich auch auf Kosten der Fans (die für TV-Übertragungen bezahlen) und anderer Klubs (die in Bewerben ohne Stars verbleiben) zu sanieren.

Die Solidarität in den Fußballnationen, die soziale Funktion des Spiels, die Zuneigung zum englischen Arbeiter, der Jahrhunderttrainer Bill Shankly ("Im Sozialismus, an den ich glaube, arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns. So sehe ich Fußball, so sehe ich das Leben."): nur mehr leidige Folklore.

Oder auch nicht. Millionen protestierten gegen die Ausrufung der Liga, Spieler erhoben sich, Fans blockierten Teambusse, der englische Ministerpräsident Boris Johnson wollte die Liga mit einer "rechtlichen Bombe" verhindern. Nach nur zwei Tagen haben fast alle Vereine mit dem Projekt gebrochen.

Die Super League ist tot geboren, die gierigen Gründerväter sind beschädigt, eine einstimmige Öffentlichkeit hat von ihrem Vetorecht Gebrauch gemacht. Merke: Bei Pandemien, Kriegen und der Wirtschaftsordnung sind die Völker gespalten. Aber wehe, jemand greift ihren Fußball an.

Lukas Matzinger

Auch die Austria Wien erlebt gerade turbulente Zeiten. Vergangenes Jahr schrieb sie 18,8 Millionen Verlust, insgesamt hat der Verein 78 Millionen Euro Schulden, der Abstieg aus der ersten Bundesliga drohte. Eine Reihe von Unternehmern und Fans könnte die marode Austria Wien im letzten Moment vor der Insolvenz retten, doch "es wird arschknapp", wie Josef Redl für den aktuellen Falter herausgefunden hat.

Seit eineinhalb Jahren ist die Musikindustrie ein bisschen auf Pause. Wer schon Probleme hat, spannende neue Platten zu finden, kann sich dank dem "New J Channel" rund um die Uhr mit Unbekanntem konfrontieren: Ein Youtuber dieses Namens sendet seit einem halben Jahr ohne jede Pause die schärfste japanische Popmusik der vergangenen 50 Jahre. Eine Schatztruhe, selbst für weitgereiste Musikentdecker.

Je mehr die unmittelbaren gesundheitlichen Probleme durch die Impfung kontrollierbar werden, desto stärker treten die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise in den Vordergrund. Im FALTER-Podcast finden Sie zwei brandaktuelle Gespräche zu den großen Herausforderungen nach der Gesundheitskrise: Hier spricht Barbara Tóth mit dem deutschen Ökonomen Sebastian Dullien, der die Erhöhung des Arbeitslosengeldes und Investitionen in den Klimaschutz als probate Mittel aus der Krise sieht. Hier spricht Robert Misik mit Markus Marterbauer, dem Chefökonomen der Arbeiterkammer, über die seiner Ansicht nach größten wirtschaftspolitischen Herausforderungen 2021: Massenarbeitslosigkeit, Klimakrise, Ungleichheit.

In der Seuchenkolumne erzählt Ihnen Armin Thurnher heute, warum Sie den Autor Egon Christian Leitner lesen sollten. Und Harry Bergmann, der gerade in Israel verweilt, berichtet, wie er beim Anblick von 300 dicht gedrängten Gästen bei einer Ausstellungseröffnung Reißaus nehmen musste.


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