Ein Hoch für die Hände - FALTER.maily #504

Anna Goldenberg
Versendet am 29.04.2021

nichts dürfen sie mehr. Nach jeder Berührung mit Fremdkörpern werden sie panisch desinfiziert, bis sie schmerzen. Aus tröstlichen Begrüßungsritualen wurden sie ausgeschlossen. Ja, sogar wenn sie der eigenen Besitzerin ins Gesicht greifen wollen, werden sie zurückgepfiffen. Ganz klar: Unsere Hände leiden unter der Pandemie.

Sie sollen kontrolliert werden, in Zeiten, in denen das schwerer ist denn je. Denn das Herumnesteln, das Kratzen, das Nägelkauen, sind Reaktionen auf Stress und Nervosität, und davon haben wir gerade bekanntlich mehr als genug. "Skin Picking Disorder", auch Dermatillomanie, ist sogar eine Art der Zwangsstörung, – die übrigens mehrheitlich Frauen betrifft.

Das sind extreme Fälle, doch unsere Hände halten sich allgemein gerne beschäftigt, beispielsweise, während unser Hirn mit Nachdenken beschäftigt ist. Das Herumspielen mit Büroklammern, Kugelschreibern oder ähnlichen Objekten bezeichnet die Wissenschaft als "automatische, motorische Beiaufgabe" und versteht nicht so ganz, warum wir es eigentlich tun – aber wir wissen, dass es uns guttut. Möglicherweise dient es dazu, das richtige Level an Stimulation zu schaffen, um gut zu funktionieren und sich wohlzufühlen. Manche Menschen brauchen dazu mehr Bewegung, andere weniger. Klar ist zudem, dass es Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung hilft, wenn sie "zappeln" dürfen.

All dem zum Trotz sind unsere Hände im Jahr zwei der Pandemie weiterhin die Bösen. Artig hacken sie stundenlang in die Tastatur, hieven Kisten, waschen Böden, als Belohnung werden sie wundgeschrubbt. Sie sind unsere Systemerhalterinnen; doch wer klatscht für sie?

Ich gehe jetzt jedenfalls meine Hände belohnen. Die beiden haben sich ein Eis gewünscht.

Anna Goldenberg

Die US-Computerwissenschaftler Katherine Isbister und Michael Karlesky haben auf ihrem Tumblr-Blog "Fidget Widgets" Fotos von Objekten wie Büroklammern und Haargummis gesammelt, mit denen Menschen während der Arbeit gerne herumspielen. Einige Einträge sind mit persönlichen Anekdoten versehen.

Klaus Nüchtern, mein Kollege aus dem Feuilleton, empfahl mir, Ihnen folgende Sendung zu empfehlen: Noch bis Sonntag kann man die Ö1-Sendung "Diagonal" zum Thema Identitätspolitik nachhören. Dazu passend gibt es übrigens auch einen Podcast zu "Black Lives Matter – ein Jahr danach".

Im FALTER-Radio bei Raimund Löw diskutieren David Richter (Verein gegen Tierfabriken), Johann Schlederer (Geschäftsführer der Schweinebörse), Bloggerin Bianca Blasl ("Melange in Gummistiefeln") und FALTER-Chefredakteur Florian Klenk über den grausamen Normalzustand in der Fleischproduktion – und wie wir aus dem System ausbrechen können, von dem nur wenige profitieren und alle anderen – speziell aber die Tiere, – leiden. Die Sendung wird um 21h auch im Fernsehen auf W24 übertragen.

Im Buchpodcast "Besser lesen mit dem FALTER" ist die Autorin Silvia Pistotnig mit ihrem neuen Roman "Teresa hört auf" zu Gast. Das Buch handelt von einer jungen Frau, die sich nach und nach auf qualvolle Art aus dem Leben zurückzieht. Mit Petra Hartlieb spricht die Schriftstellerin über Figuren, die am Rande der Gesellschaft stehen, über psychische Krankheiten und wie man über sie schreiben kann.

Wie konnte aus der amerikanischen Randgruppe QAnon die weltweit größte Verschwörungstheoretiker-Community werden, die von den Stürmen auf das Kapitol in den USA bis hin zu Corona-Demos in Wien Schlagzeilen macht? Diese Frage beantwortet die Extremismusforscherin und Autorin Julia Ebner heute im Rahmen der Wiener Vorlesungen, im Anschluss folgt ein Gespräch mit FALTER-Chefredakteur Florian Klenk. Die Veranstaltung läuft seit 19h, hier können Sie in den Livestream einsteigen.

The Creative Days Vienna gather creative minds from around the world for two days of digital events on 5 and 6 May, 2021 in Vienna. The participants at Creative Days Vienna are breaking new ground in architecture, design, film, gaming, fashion, music and visual arts. Their work focuses on questions about the impact of current technological and social developments on the creative industries and the city and the ensuing opportunities and challenges.

This year we are focusing on four main topics: Future Communities, Future Spaces, Future Experiences, Future Production.
In a variety of talks, experiences and networking sessions we offer space for knowledge transfer, cooperation and open discussion. The Creative Days Vienna are part of Vienna Up'21.


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