Letzter Tag - FALTER.maily #505

Stefanie Panzenböck
Versendet am 30.04.2021

"Die Marillen sind heute besonders gut", ruft der Mann an der Kassa, als sich die Tür öffnet. Während er sich zur Kundin, die gerade hereingekommen ist, umdreht, zieht er die Einkäufe eines älteren Herrn über das Förderband und tippt die Preise ein.

Christian Grinschgls kleines Lebensmittelgeschäft an der Bahnhofstraße in Gratwein-Straßengel ist seit Jahrzehnten eine Institution - und zudem der einzige günstige Nahversorger, der geblieben ist. Heute Abend wird Grinschgl wie gewohnt hinter den letzten Kunden die Türe zusperren. Aber am Montag nicht wieder aufsperren. Das Haus, in dem er die Räume für den Verkauf gepachtet hat, wird abgerissen und an seiner Stelle eine neue Raiffeisenbank-Zentrale errichtet.

Kurz nachdem meine Familie in die steirische Gemeinde gezogen war, vor knapp 30 Jahren, eröffnete Grinschgl dort sein erstes Kaufhaus. Aus einer gewissen Bequemlichkeit – kein Geschäft war schneller zu erreichen – wurde bald ein liebgewonnenes Ritual. Zum Grinschgl ging man nicht nur, weil man Zucker, Butter und Salat brauchte, sondern auch um zu plaudern und sich auszutauschen. War der Chef selber nicht da, war das Einkaufen eine halbe Sache. Er erkundigte sich nach den Töchtern und Großeltern und merkte sich, was die Kunden besonders gern auf dem Teller hatten. Seine Lebensmittel konnte er mit gutem Gewissen empfehlen. Denn bevor er spätestens um halb sieben in der Früh sein Geschäft aufsperrte, fuhr er selbst einkaufen. Er kannte seine Ware und wenn der "Käse heute besonders gut" war, dann war er das auch.

Seine erste Bleibe musste Grinschgl nach wenigen Jahren verlassen. Er übersiedelte für kurze Zeit nach Graz - und kam vor 25 Jahren zurück, in ein neues Geschäftslokal ganz in der Nähe des Alten.

Als meine Schwester und ich schon lange nicht mehr bei unseren Eltern wohnten, gehörte zum Nachhausekommen immer ein Besuch "beim Grinschgl". Er wusste, wohin wir gereist waren und welche Prüfungen wir machen mussten, ob wir endlich einen Job gefunden hatten und ob der neue Freund nun vielleicht doch der Richtige war. Egal ob wir fünf oder 35 Jahre alt waren, ein Eis gab es immer für uns.

Viele Menschen kamen ins Geschäft, weil sie Ansprache fanden. War jemand gerade nicht mobil, wurde ihm der Einkauf gratis zugestellt. Vor dem Haus standen immer Regale mit Kräutern und Salatpflanzen, seit Kurzem gab es auch einen Bücherschrank. Selbstredend wusste der Kaufmann auch über die literarischen Vorlieben seiner Kunden Bescheid.

Für einige Menschen wird das Einkaufen nun mühsamer, weil sie weitere Wege zurücklegen müssen, viele werden, gerade in der Pandemie, noch einsamer sein. Der Herr Grinschgl wird allen fehlen. Und es wird Zeit, dass meine Schwester und ich ihn beim nächsten Besuch auf ein Eis einladen.

Haben Sie ein schönes Wochenende,

Ihre Stefanie Panzenböck

Buhlschaft, feministisch: Die Schauspielerin Verena Altenberger im großen Falter-Gespräch über ihren Waffenschein, #MeToo und die Salzburger Festspiele.

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