Indien: Horror mit Populisten - FALTER.maily #506

Armin Thurnher
Versendet am 02.05.2021

Spätestens jetzt hat die Weltöffentlichkeit (die österreichische immer ein paar Meter hinterdrein) kapiert, was in Indien passiert: eine Katastrophe. Projektionen sagen voraus, dass dort im August eine Million Corona-Tote erreicht sein wird. Indischen Statistiken zu vertrauen wäre allzu glaubensselig; wieviele Tote nicht als Corona-Tote verzeichnet werden, weiß niemand.

Mindestens das sogenannte Eigeninteresse zwingt uns, nicht wegzuschauen. "Kann Indien mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern abgeriegelt werden?" fragte die Washington Post vor kurzem, und die große und mutige Schriftstellerin Arundhati Roy gab die Antwort: "Nein, Indien kann nicht abgeriegelt werden. Wir brauchen Hilfe."

Ihr dramatischer Text erschien im Guardian (deutsch in der FAZ), und er ist eine einzige Anklage gegen den Verantwortlichen der Katastrophe: Regierungschef Narendra Modi, den unter all den rechtsextremen Populisten vielleicht gefährlichsten Regierungschef, wie nun auch die Pandemie zeigt. Er spielt das Spielchen aller Rechtspopulisten, versucht sich als der große Virenzähmer hinzustellen, aber er richtet mehr Schaden an als die meisten.

Als Hindufaschist wagte er nicht, das Kumbh-Mela-Fest abzusagen, bei dem sich Millionen Gläubige einen Monat lang treffen, bis zu drei Millionen an einem Tag, um miteinander im Ganges zu baden. Modis Partei BJP führt Wahlkampagnen in mehreren Bundesstaaten durch, bei denen Modi selbst die Menge ohne Maske begrüßt und sie aufputscht. Im Fernsehen ermutige er Menschen, Kerzen anzuzünden und auf Töpfen zu trommeln, um das Virus zu verscheuchen. Im März vergangenen Jahres rief er das "Corona-Endspiel" aus (die indische Variante des Lichts am Ende des Tunnels) und behauptete, in 18 Tagen sei alles erledigt.

Ein von ihm brutal und ohne Vorwarnung verhängter Lockdown kostete Tausende Wanderarbeiter das Leben; sinnlose Verlängerungen des Lockdowns machten Konzessionen an "wirtschaftliche Überlegungen" und bleiben wirkungslos.

Derweil hat seine Partei dem öffentlichen Gesundheitssystem den Rest gegeben: Indien wendet weniger für öffentliche Gesundheit auf als fast alle Staaten weltweit; es hat zwar eine Impfstoffindustrie, aber die nützt die Gelegenheit, Impfstoffe zu verkaufen und damit Mörderprofite zu machen (die Ärmsten bleiben ungeimpft).

Erst 1,4 Prozent der indischen Bevölkerung sind geimpft. Die öffentlichen Ausgaben für das radikal privatisierte Gesundheitssystem betragen 3,5 Prozent des GDP (nur Myanmar und Sierra Leone liegen schlechter). 5,3 Spitalsbetten pro 10.000 Menschen stehen 43,1 Betten in China gegenüber, bei Intensivbetten steht es 2,3 zu 3,6 pro 100.000 für China. Die täglichen Neuinfektionen in Indien werden demnächst 500.000 erreichen, während in China insgesamt nur 100.000 Menschen mit dem Corona-Virus infiziert wurden. Medizinischer Sauerstoff ist Mangelware, Menschen ersticken. Leichen verbrennen auf öffentlichen Plätzen; das Brennholz geht aus.

Ein traurig-schauriges Lehrstück in einem Staat, der immer noch als die größte Demokratie der Welt gilt. Kleines Detail: Trotz seines Versagens werden Modi gute Chance bei den Wahlen in drei Jahren zugebilligt. Die brutale Unterdrückung der Opposition wird nicht nur von „der Wirtschaft“, sondern auch von umfassender Medienkontrolle begünstigt. Auch Twitter hat Dutzende Modi-kritische Accounts stillgelegt.

Ja, und Österreich spendet zwei Millionen für Hilfe vor Ort, unsere Spezialität. Da wird einem warm ums Herz. Wünsche trotzdem eine schöne Woche.

Ihr Armin Thurnher

Falter im Fernsehen: Im ARD-Presseclub war wieder einmal Barbara Tóth zu Gast (Thema: Impfpass); bei Meinrad Knapps Talk Aktuell: Die Woche hatte ich wieder die Ehre, unter anderem Herrn Sobotkas Rücktritt auch in Bewegtbild und Ton zu fordern.

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Die neue Buhlschaft Verena Altenberger hat einen Waffenschein, aber nicht, weil sie beabsichtigt, je auf jemanden zu schießen. Ein spannendes, feines Gespräch mit Stefanie Panzenböck und Michael Omasta.

Das KZ Gusen könnte einen weiteren unterirdischen, bisher unbekannten Lagerteil gehabt haben, hieß es 2019 in einer ZDF-Doku. Für den Podcast-Zweiteiler "Unter Gusen" haben David Freudenthaler und Michael Mayrhofer die spektakuläre These anhand umfassender geologischer Untersuchungen überprüft.


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