Gute Kräfte - FALTER.maily #507

Gerhard Stöger
Versendet am 03.05.2021

Ende der 1980er habe ich ein prägendes Buch aus der Libro-Ramschkiste gezogen. "Die guten Kräfte" von 1982, einen Sammelband über Punk und New Wave in Österreich. Am Ende stand eine Diskografie. Im Kärntner Dorf träumte ich als Teenager davon, all diese Platten zu besitzen – was mir Sammlernarr nach vielen Jahren in der großen Stadt irgendwann auch beinahe gelingen sollte (falls Sie ein Exemplar der Böslinge-Single von 1981 abzugeben haben: Ich zahle gut, aber keine obszönen Sammlerpreise).

Lange Zeit haderte ich als Journalist und Fan mit dem Gefühl, die aufregendste Ära der österreichischen Popmusik verpasst zu haben. Jene kreative Explosion der Zeit um 1980 also, die mit Falco auch den größten Popstar des Landes hervorgebracht hatte. Am 18. Oktober 2007 endete dieses Hadern abrupt. In der kargen Küche der Band-WG in der Hernalser Kapitelgasse saß ich erstmals Andreas Spechtl gegenüber, dem damals 23-jährigen Sänger und Chefideologen von Ja, Panik. Das Quintett war in diesem Moment bereits die großartigste junge Rockband im deutschsprachigen Raum, nur wusste noch kaum wer davon.

Die Mischung aus Charisma, Eigensinn, rebellischem Gestus und Empfindsamkeit, die Spechtl im Gespräch verkörperte, bestätigte meine Begeisterung für "The Taste And The Money", das damals kurz vor der Veröffentlichung stehende zweite Album der Gruppe. Wozu von den schnellen Jahren der Vergangenheit träumen, wenn gerade Derartiges unmittelbar vor der Haustür passiert, dachte ich – nicht ahnend, dass das Brodeln im lokalen Pop bald noch deutlich zunehmen und mir Begegnungen mit Figuren wie Soap&Skin, Voodoo Jürgens, Maurice Ernst, dem Nino aus Wien oder Marco Wanda bescheren sollte.

Vergangenen Montag stand ich mit Andreas Spechtl, der längst in Berlin lebt, erneut vor dem Eckhaus in der Kapitelgasse. Er war auf Kurzbesuch in der Stadt, und wir wollten einander auch in echt wiedersehen – das in der aktuellen Falter:Woche erschienene Gespräch zum ersten neuen Ja,-Panik-Album seit 2014 war im virtuellen Raum entstanden. Wir spazierten von der Kapitelgasse weg durch seine alte Wiener Hood, und just als wir den menschenleeren Kongresspark erreichten, mit Bierdose in der Hand, Gott und die Welt besprechend, tauchte der Vollmond zwischen den Bäumen auf.

Kitschig, aber wahr: Dreizehneinhalb Jahre, nachdem mir Andreas Spechtl dieses Gefühl des Zu-spät-gekommen-Seins ausgetrieben hatte, erlebte ich mit ihm meinen bislang schönsten Corona-Spaziergangs-Moment – besser als jede herbeifantasierte Nacht mit Falco im U4.

Gerhard Stöger

Wer heute in der einstigen Ja,-Panik-Wohnung in der Kapitelgasse lebt, weiß der Sänger nicht. Einen Blick in die damalige WG-Küche können Sie aber immer noch werfen: Sie wurde im minimalistischen Video zum Titelstück des dritten Albums "The Angst And The Money" verewigt (der Song beginnt nach fünfeinhalb Minuten, davor wird – typisch Ja, Panik – ein Manifest verkündet).

Sebastian Janata, der Schlagzeuger von Ja, Panik, hat vergangenen Sommer sein Debüt als Romanautor veröffentlicht, "Die Ambassadorin". Sebastian Fasthuber nahm das zum Anlass, ihn gemeinsam mit Lena Johanna Hödl und Benjamin Quaderer als "Die Klasse von 2020" zu porträtieren. Janata war auch im FALTER-Buchpodcast zu Gast, hier können Sie das Gespräch mit Petra Hartlieb nachhören.

Sie sind neu bei Ja, Panik? Hier ein kurzer Videostreifzug durch die sechs Platten der Band: "Zwischen 2 & 4", blutjung und chic vom Debüt (2006). "Marathon" und "Thomas sagt", zwei Hits des Durchbruchsalbums "The Taste And The Money" (2007) zu einem Kurzfilmchen verschmolzen. In "Pardon" machten sich die Musiker 2009 im Ballettstudio zum Affen – und über den Hamburger Kollegen Jochen Distelmeyer und dessen damals aktuellen Clip zu "Lass uns Liebe sein" lustig. "Nevermind" von "DMD KIU LIDT" gewährte 2011 Einblicke in die Berliner Band-WG; im Titelstück zum fünften Album "Libertatia" ging es 2014 sogar gemeinsam in die Badewanne – harmlos und zärtlich, bei Youtube trotzdem nur mit Altersbeschränkung zu sehen. Das Video zur aktuellen Single "On Livestream" zitiert die Badewannenszene, Youtube hat bislang erstaunlicherweise noch keine Zensur geübt.

Die Berliner Musikerin und Autorin Christiane Rösinger verbindet eine lange Freundschaft mit Andreas Spechtl, sie führt darüber hinaus regelmäßig zu künstlerischen Kooperationen (hier ein frühes Zusammentreffen). Die Mischung aus Aufbegehren, Witz und Achselzucken ihrer 90er-Jahre-Band Lassie Singers hat auch das aktuelle Album des Innsbrucker Duos The Sweet Janes inspiriert, das als kostenloser Download auf Bandcamp bereitsteht. Den schönsten Song der Lassie Singers finden Sie hier.

Im FALTER-Radio diskutieren aktuell die Außenpolitik-ExpertInnen Charles Kupchan, Eva Nowotny und Raimund Löw über die Rolle der USA im 21. Jahrhundert. Zwischen Isolationismus, Weltmacht und demokratischen Werten: Inwiefern ändert sich die US-Außenpolitik unter dem neuen Präsidenten Joe Biden? Die Episode ist ein Mitschnitt einer Online-Veranstaltung in englischer Sprache im Bruno Kreisky Forum vom 3. Mai 2021.

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