Ist Sepp Forcher Migrant? - FALTER.maily #509

Nina Horaczek
Versendet am 05.05.2021

Sepp Forcher, Herbert "Schneckerl" Prohaska, Hans Krankl, Michael Häupl, Erwin Pröll, Waltraud Haas und die Jazz Gitti - schön, sie alle wieder einmal zu sehen. Noch schöner, dass sie schon geimpft sind. Aber fehlt da nicht wer bei der "Österreich impft"-Kampagne des Roten Kreuzes, die von der türkis-grünen Bundesregierung unterstützt wird? Gibt es unter den mehr als zwei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich keine und keinen Prominenten für eine Impfung mit Kamerabegleitung? Und wieso ist die "Österreich impft"-Website im Pandemiemonat 15 nur einsprachig? Dort findet man nicht einmal auf Englisch Informationen, wie man zum Impftermin kommt. Sepp Forcher mag zwar vor 81 Jahren in Rom als Giuseppe Forcher zur Welt gekommen sein. Als migrantisches Testimonial geht der langjährige "Klingendes Österreich"-Moderator im ORF nicht durch.

Was ist da passiert? Haben Regierung und Rotes Kreuz vergessen, dass in diesem Land viele, viele Menschen leben, deren Erstsprache nicht Deutsch ist? Dass es hierzulande Hunderttausende gibt, die sich von einem Muhammet Akagündüz (der Mann spielte immerhin zehn Länderspiele im österreichischen Fußballnationalteam) oder Ivica Vastić (in insgesamt 50 Länderspielen 14 Tore für Österreich) mehr angesprochen fühlen als von Schneckerl Prohaska?

Vergessen habe man Migrantinnen und Migranten nicht, heißt es dazu beim Roten Kreuz. Man habe darauf geachtet, dass die Testimonials stets zu der derzeitigen Gruppe der zu Impfenden passe, sagt der Rotkreuz-Sprecher. "Und das war eben am Anfang die Gruppe 80 plus und jetzt 70 plus." Dafür habe Österreich impft Menschen mit Migrationshintergrund in den sozialen Medien direkt angesprochen. Am 26. März gab es einen "Schwerpunkt auf fremdsprachige Information" auf Facebook, Insta und Co, wo unter anderem eine Justizwachebeamtin mit türkischem Background auf Türkisch fürs Impfen warb. Zusätzlich wurden in Medien, die Migrantinnen und Migranten lesen wie etwa der Österreich-Ausgabe der türkischsprachigen Zeitung Hürriyet Inserate geschalten.

Und wenn dann hoffentlich bald die Jüngeren an die Impfreihe kommen, werden auch migrantische Testimonials auftauchen, verspricht das Rote Kreuz: "Da werden wir nämlich stark mit Influencern arbeiten." Hoffentlich ist bis dahin auch die Impf-Website mehrsprachig.

Nina Horaczek

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