Handke, schon wieder - FALTER.maily #513

Stefanie Panzenböck
Versendet am 10.05.2021

Er habe nicht gewusst, dass er diesen Orden bekäme, sagte der Schriftsteller Peter Handke am Sonntagabend in Belgrad. Er dachte, er würde mit dem Präsidenten Serbiens, Aleksander Vučić, nur einen Kaffee trinken. Jetzt habe er gar keine Rede vorbereitet. Und sprach dann doch. Über das mittelalterliche Fresko "Beli Anđeo", "Weißer Engel", das im serbisch-orthodoxen Kloster Mileševa zu sehen ist. Er habe eine Kopie zu Hause und wenn ihm Serbien in den Sinn komme, denke er an diesen Engel. Der zeige auf das leere Grab und bedeute damit, dass Christus auferstanden sei. "Warum sucht ihr den Lebenden unter den Toten", sagt der Engel, so stehe es im Evangelium. Er möchte hier für etwas, das er nicht verdient habe, nämlich den Orden, Serbien und den weißen Engel hier gegrüßt haben.

Es war dies der Versuch eines Schriftstellers, noch einmal die Welt zu blenden und zu sagen: Ich bin Literat. Mit der schmutzigen Politik, wo immer sie auch stattfindet, habe ich nichts zu tun. Doch Peter Handke wurde der Karadjordje-Orden, die höchste staatliche Auszeichnung, die Serbien zu vergeben hat, schon im vergangenen Jahr zuerkannt. Er konnte sie nur noch nicht abholen.

Handke erhielt im Jahr 2019 den Nobelpreis. Das löste auch Empörung und Wut aus. Seit den Kriegen in den 1990er-Jahren sucht der Schriftsteller die Nähe zu serbisch-nationalistischen Kriegstreibern. Er besuchte Slobodan Milošević im Gefängnis in Den Haag und hielt eine Rede, als der ehemalige Machthaber begraben wurde. Seine politische Haltung sei von der Literatur zu trennen, sagten jene, die die Preisvergabe an Handke befürworteten. Doch schon Alfred Nobel hielt fest, dass den Preis bekommen soll, der "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat." Handke relativierte den Genozid in Srebrenica, äußerte sich nicht nur einmal abwertend über Opfer des Krieges wie die Mütter von Srebrenica und ist zudem auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Republika Srpska. In einer ihrer Veranstaltungen zum Thema "Srebrenica - Wirklichkeit und Manipulation" meinte einer der Organisatoren, dass es das Ziel sei, den Genozid – denn als das wurde das Massaker von der UNO klassifiziert – infrage zu stellen.

Als Handke gestern Abend an das Rednerpult trat, hatte er seine Promo-Tour für den serbischen Nationalismus schon hinter sich. In Banja Luka, der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik Bosnien und Herzegowinas, – wo er auch sein eigenes Denkmal bewundern konnte –, verlieh ihm die Präsidentin Željka Cvijanović den höchsten Orden, den ihr Landesteil zur Verfügung hat. Mit diesem wurden auch schon die Kriegsverbrecher Ratko Mladić und Radovan Karadžić geehrt. Aber auch andere große Söhne Österreichs nahmen diese Auszeichnung bereits entgegen. Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus empfingen sie im Jahr 2018.

Danach ging es mit dem Hubschrauber weiter nach Višegrad, in den Osten des Landes. Dort wurde Handke von Regisseur Emir Kusturica – der seit 2005 auch den serbischen Namen Nemanja trägt und sich seit den Kriegen in den 1990er-Jahren immer mehr in den Dienst serbischer Nationalisten gestellt hat – der Große Ivo-Andrić-Preis verliehen. Das Institut, das die Auszeichnung vergibt, "ist tief im serbischen Nationalismus verwurzelt und ohne internationale Relevanz in der Forschung" sagt Michael Martens, Südosteuropa-Korrespondent der FAZ und Autor der Andrić-Biografie "Im Brand der Welten" (Zsolnay, 2019).

Dass der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2019 nun auch Träger eines Ordens ist, den vor ihm die zu lebenslanger Haft verurteilten Kriegsverbrecher erhalten haben "ist folgerichtig und konsequent", sagt Martens. Denn mit seinen Äußerungen zu Jugoslawien passe Handke in dieses Umfeld. Dass er auch einen nach Ivo Andrić benannten Preis erhalten habe, sei "traurig für Ivo Andrić, aber nicht zu ändern." Das großartige Werk Andrićs habe viele Angriffe und Instrumentalisierungen überstanden. "Und so wird es auch in diesem Fall sein."

Handke habe auf dieser Reise keine literarische Handlung gesetzt, formuliert es Vedran Džihić, Senior Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik. "Er hat sich politisch eindeutig positioniert. Er hat sich von Politikern feiern lassen, die den Nationalismus fördern und die nach wie vor Ereignisse verteidigen oder leugnen, die weltweit als Verbrechen und Genozid angesehen werden."

Handke ist ein großer Schriftsteller. Seine Bücher sollen, ja müssen gelesen werden. Doch darum geht es hier nicht. Handke hat sich zum Handlanger banaler Politik gemacht. Er ist das westliche Maskottchen eines Nationalismus, dessen Protagonisten für die schlimmsten Massaker nach dem Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden verantwortlich sind.

Hinter seinem weißen Engel kann er sich nicht mehr verstecken.

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Stefanie Panzenböck

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