The Kids Are All Right - FALTER.maily #525

Birgit Wittstock
Versendet am 27.05.2021

im vergangenen Jahr ist meine Welt sehr klein geworden. Während der Lockdowns war ich oft tagelang nicht draußen. Auch im Hof des Meidlinger Gemeindebaus in dem ich wohne, ist es während der Pandemie still geworden. Üblicherweise toben hier die Kinder bei fast jedem Wetter bis spät abends herum. Seit letztem Jahr steht der Hof leer, gibt es keine bunten Kreidezeichnungen mehr auf dem Beton, brüllen keine Nachbarn aus dem Fenster, die Kinder sollen gefälligst "gusch" sein.

Für alle Kinder und Jugendlichen war das vergangene Jahr lähmend – für die, die aufwachsen wie meine Nachbarskinder aber besonders, denn die Krise hat all jene Unterschiede befeuert, die bereits vorher da waren: Während sich die Kinder in den Vorstadtsiedlungen mit Trampolin im Garten austoben konnten, gab es für jene, die in kleinen, überbelegten Garçonnièren in dichtverbauten Zinskasernenvierteln leben, wenig Möglichkeiten, der Enge des eigenen Lebens zu entkommen.

Noch nie haben sich unsere Kinder so wenig bewegt, noch nie haben sie so viel Zeit vor Bildschirmen verbracht. Die Folgen sind sichtbar, die Kinder- und Jugendpsychiatrie steht vor der Triage (wir berichteten im Februar). Auch in meinem Block sind viele der Kinder von den letzten Monaten gezeichnet. Manche von ihnen erkenne ich kaum wieder, wenn ich ihnen im Stiegenhaus begegne: Einige sind sehr dick geworden, andere so dünn, dass sie fast in ihrem Gewand verschwinden. Auf allen liegt ein Schatten. Die harte Zeit, die sie hinter sich haben, sieht man ihnen an: Die Wohnungen hier sind klein, viele Familien groß. Nachts ist oft Streit zu hören. Nicht nur einmal stand ich lauschend auf den Treppen, das Handy in der Hand, bereit notfalls die Polizei zu rufen.

Umso schöner war es, vergangene Woche beim Besuch des Vereins Vienna Hobby Lobby ausgelassenes Lachen zu hören und Mädchen kennenzulernen, deren Gesichter so ganz und gar nicht erloschen aussahen (die ganze Geschichte lesen Sie hier). Dabei waren auch ihre letzten Monate hart: die vier – Patil, Arzo, Angi und Samira – wohnen in der Kreta, einem Favoritener Grätzel, das als sogenannter sozialer Brennpunkt gilt. Die Einkommen hier sind niedrig, die Wohnbedingungen oft schlecht, große Parks oder Orte, an denen sich die Kinder, die hier wohnen, aufhalten könnten, sucht man vergebens.

Diesen Ort, genauer gesagt ein paar Räume des ehemaligen Siemens-Gewerbecampus, eines der größten Zwischennutzungsgebiete der Stadt, hat sich die Vienna Hobby Lobby ausgesucht, um dort ihre Zentrale aufzuschlagen. Der Verein, den die 26-jährige Volkswirtin und ehemalige Mittelschullehrerin Rosa Bergmann 2018 mit drei Mitstreitern ausgeheckt hat, bietet kostenlose Kurse für Kinder und Jugendliche an, deren Familien sich keine Freizeitbespaßung leisten können.

Was im März 2019 mit sieben freiwilligen Kursleiterinnen und Kursleitern begonnen hat, ist innerhalb zweier Jahre zu einem Erfolgsprojekt angewachsen, das bereits mehrfach mit Preisen und Förderungen bedacht wurde: An die 1000 Kinder und Jugendliche haben an Kursen – von Videoclip-Dancing, über Kung Fu, Experimente, bis zu Schauspielen, Yoga und Fußball – teilgenommen. Bergmann und ihr Team sind gerade dabei, das Konzept in andere Problem-Grätzel der Stadt zu exportieren. So eröffnete die Hobby Lobby Mitte Mai ihren zweiten Standort in der Brigittenau, zwei weitere – in Ottakring und in Landstraße – sind schon in Planung und ab kommendem Jahr soll es auch in anderen Bundesländern eine Hobby Lobby geben.

Ich hoffe, dass bald jeder Bezirk solche Freiräume für jene Kinder anbieten kann, die es brauchen. Es sind viele.

Ihre Birgit Wittstock

Wenn Sie Zeit und Muße für einen Blick über den Tellerrand haben, dann empfehle ich Ihnen dringend "Achtung Lebensgefahr!" auf Arte. Der investigative Dokumentarfilm begleitet Aktivistinnen und Aktivisten, die Menschen, die in Tschetschenien aufgrund ihrer sexuellen Orientierung von Ramsan Kadyrows Schergen systematisch verfolgt, gefoltert und ermordet werden, aus dem Land schleusen. Schockierend und ermutigend gleichzeitig.

Ein Gericht in den Niederlanden erließ heute ein historisches Urteil, das den Ölkonzern Shell zu einer Reduktion seiner CO2-Emissionen verpflichtet. Im Ö1-Morgenjournal sagte Donald Pols, der Direktor einer jener Umweltschutzorganisation, die die Klage eingebracht hatten, er glaube zum ersten Mal, dass der Klimawandel wirklich bekämpft werden könne. Grund zur Hoffnung also auch für die vielen Arten, die durch den Klimawandel von der Ausrottung bedroht sind. In FALTER.natur, dem Nachhaltigkeits-Newsletter aus der Falter-Redaktion, erstellte mein Kollege Benedikt Narodoslawsky jüngst ein Quiz dazu:

Wie viele Arten sind weltweit vom Aussterben bedroht? A: 1.000. B: 10.000. C: 100.000.

Eigentlich ist jede der Antwortmöglichkeit erschreckend, welche aber die richtige ist, können Sie hier nachlesen (ganz unten im Text). Morgen am frühen Nachmittag erscheint übrigens der neue FALTER.natur-Newsletter, hier können Sie sich anmelden.

Das Feuilleton widmet sich diese Woche der europäischen Kolonialgeschichte. Da ist einerseits eine Rundschau über aktuelle Bücher, die sich mit der kolonialen Vergangenheit Frankreichs, Deutschland und der Niederlande sowie der damit einhergehenden Raubkunst-Debatte auseinandersetzen. Andererseits lesen Sie einen Bericht über die Ausstellung der Wiener Festwochen "Was, wenn ich mein Leben einer seiner Federn widmete", die den Geist des Antikolonialismus beschwört. Allerdings schmerzlich naiv, wie Matthias Dusini findet.

Der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Roman "Underground Railroad" von Colson Whitehead über eine Fluchtroute von Sklaven aus den amerikanischen Südstaaten in den freien Norden wurde vom Regisseur Barry Jenkins ("Moonlight") ins Serienformat gegossen. In 10 Episoden wird das kollektive Trauma amerikanischer Sklaven und ihrer Nachkommen bearbeitet. Eine Serie, die neue Maßstäbe setzt, schreibt Michael Pekler im aktuellen Falter.

Im FALTER-Podcast hören Sie ein Gespräch zwischen dem neuen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne), der Virologin Dorothee von Laer, Barbara Tóth und Raimund Löw. Die Diskussion dreht sich um die finanziellen Probleme, mit denen viele Familien derzeit zu kämpfen haben, die Impfstrategie für den Herbst und wie weitere böse Überraschungen durch das Corona-Virus verhindert werden können. Hören Sie rein!

Das beste Neue am Buchmarkt liefert diese Woche wieder unsere Buchpodcast-Moderatorin Petra Hartlieb. Sie hat die Autorin Judith Hermann zu Gast, deren neuer Roman "Daheim" für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert ist. Die beiden sprechen über Einsamkeit, Aufbrüche und Abschiede, und warum es manchmal besser ist, nicht so viel zu reden. Gegen Ende des Podcasts hat Kirstin Breitenfellner, im FALTER für das Sach- und Kinderbuch zuständig, noch zwei Buchempfehlungen für Sie.

Seit 19h unterhalten sich die Digitalexpertin und Autorin Ingrid Brodnig ("Einspruch") und der Journalist Peter Huemer über Hass und Verschwörungstheorien im Netz. Im Rahmen des Wiener Stadtgesprächs, organisiert von Arbeiterkammer und Falter, gehen sie der Frage nach, ob und wie ein respektvollerer Diskurs im Internet möglich ist. Schalten Sie sich dazu, hier gehts zum Livestream!


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