Respekt? Einen Versuch wär’s wert! - FALTER.maily #526

Klaus Nüchtern
Versendet am 28.05.2021

jeder Mörder werde respektvoller behandelt als er im Ibiza-Ausschuss, beschwerte sich Bundeskanzler Sebastian Kurz vor kurzem. Wenn sich jemand, der als demokratisch gewählter Politiker die res publica, also die öffentliche Sache, zu vertreten hätte, in erster Linie aber an der Selbstinszenierung als Strahlemann und Überbringer der guten Nachricht interessiert ist, über mangelnden Respekt beklagt, wird man dem mit Skepsis gegenüberstehen und geneigt sein, eine gewisse Selbstmitleidigkeit zu konstatieren.

Überhaupt wird auffällig viel geklagt in den Reihen jener, die mehrheitlich die Regierungsmacht in Händen halten. Vorzugsweise darüber, dass man von Kritikern und Konkurrentinnen im politischen Geschäft permanent "angepatzt" würde – was als Immunisierungsstrategie leicht zu durchschauen ist: Die Klage angepatzt worden zu sein, will glauben machen, dass der Fleck, den man auf der Weste und der Dreck, dem man am Stecken hat, nur von den andern stammen könne. Dem ist nicht so.

Aber lassen wir das und fragen stattdessen einmal danach, wie es um den Respekt tatsächlich bestellt ist. Respekt scheint jedenfalls jenes Gut zu sein, um das sich derzeit die heftigsten, mit großer Verbitterung geführten Verteilungskämpfe drehen. Der Vorwurf, nicht hinreichend respektiert zu werden, zieht Kränkungen nach sich, und die öffentliche Zurschaustellung von Gekränktheit ist ein effektiver Brandbeschleuniger: Sprechakte wie das Verfluchen oder symbolische Handlungen wie das Verbrennen von Flaggen heizen nicht nur das diskursive Klima auf, sondern münden oft in ganz konkrete Gewalt.

All das hat, so möchte man annehmen, in einer modernen, demokratischen, zivilen und säkularen Welt, die imstande ist, Konflikte diskursiv und institutionell auszutragen und einzuhegen, keinen Platz. Man möchte es annehmen. Bei näherer Betrachtung kommen einem allerdings Zweifel, dass es sich tatsächlich so verhält.

Politik hat sich vor dem Publikum der Staatsbürger:innen heute vor allem im Medium des Fernsehens zu legitimieren. Ohne mich auf statistische Belege berufen zu können, würde ich behaupten, dass sich die Politikerpräsenz im Fernsehen in den letzten Jahren und Jahrzehnten drastisch erhöht hat (am auffälligsten in Vorwahlzeiten, wo sie aus dem Studio, in der Streitgespräche von jedem mit jeder stattfinden, gar nicht mehr herauszukommen scheinen).

Ich sehne mich keineswegs nach jenen paternalistischen Zeiten zurück, in denen Politiker Interviews "gewährten", ich sehe aber auch nicht ein, warum jede Politikerin sofort am Küniglberg anzutanzen hätte, bloß weil der Wolf pfeift. Kommt Pamela Rendi-Wagner – wie unlängst geschehen – dieser Aufforderung nicht innert weniger Stunden nach (weil sie bereits anderswo zugesagt hat) – wird das sofort öffentlich gemacht und es öffnen sich die Schleusen von Twitter; Hohn und Häme ergießt sich über die SPÖ-Vorsitzende, die als drückebergerisch und konfliktscheu verunglimpft wird.

Ich schätze die Arbeit der stets bestens vorbereiteten ZiB 2-Moderatoren und Moderatorinnen und ich bewundere deren Langmut. Ich selbst wäre den Job in kürzester Zeit los, weil ich die gusseiserne Präpotenz von Politikern wie Gernot Blümel oder Norbert Hofer, die ihrem Gegenüber mit NLP-geschulter Fake-Freundlichkeit bedeuten, dass sie ihnen den Schuh aufblasen können, einfach nicht ertrage und gewiss was Unprofessionelles passiert wär.

Die Frage ist bloß: Wozu das Ganze? In der Regel sind die zeitlich streng limitierten – "und ich bitte um eine kurze Antwort"– ZiB-Interviews ritualhafte Gesprächssimulationen, in denen Fragen gestellt werden, von denen der/die Fragende weiß, dass sie sein/ihr Gegenüber nicht beantworten wird wollen – und das in der Regel auch nicht tut. Man hat einander nichts zu sagen, aber das doch mit hohem Aufwand, der die professionelle Souveränität der Beteiligten belegen soll: Die einen haben mit vielen Worten nichts gesagt, die anderen haben hart nachgefragt.

Der Mangel an Respekt aber, der dieser Inszenierung gleichsam strukturell eingeschrieben ist, soll durch den Umstand camoufliert werden, dass die Ein- oder Vorgeladenen ihre Nicht-Antworten stets mit einer vorangestellten Anrede – "Herr Wolf, …" – einleiten; so als ob der Umstand, dass sie sich an den Namen ihres Gegenübers erinnern können, als Respektbezeugung durchginge und die vorsätzliche Verquastheit ihres verbalen Gesprudels bemänteln könnte. Auch diese eine unschwer zu durchschauende Simulation.

In diesem Sinne würde ich anregen, die Politiker:innen-Auftritte in der ZiB 2 abzuschaffen und durch echte Informationsformate zu ersetzen.

Klaus Nüchtern

Zum Schönsten am Beruf einer Feuilleton-Redakteurin eines Printmediums gehören Interviews. Man kann sich mit Menschen unterhalten, von denen man tatsächlich etwas wissen will, und man hat dafür vielleicht nicht alle Zeit der Welt, aber in der Regel doch deutlich mehr als bloß zehn, fünfzehn Minuten. Außerdem ist es egal, wenn sich das Gegenüber einmal verhaspelt oder im Hintergrund Kaffeetassengeklapper erklingt. Lesen Sie also zum Beispiel das Gespräch, das Stefanie Panzenböck mit dem Kabarettisten und Entertainer Viktor Gernot für die Falter:Woche geführt hat.

"Psychologisch läßt sich der Zyniker der Gegenwart als Grenzfall-Melancholiker verstehen, der seine depressiven Symptome unter Kontrolle halten und einigermaßen arbeitstüchtig bleiben kann. Ja, hierauf kommt es beim modernen Zynismus wesentlich an: auf die Arbeitsfähigkeit seiner Träger – trotz allem, nach allem erst recht. […] Denn Zyniker sind nicht dumm, und sie sehen durchaus hin und wieder das Nichts, zu dem alles führt. Ihr seelischer Apparat ist inzwischen elastisch genug, um den Dauerzweifel am eigenen Treiben als Überlebensfaktor in sich einzubauen. Sie wissen, was sie tun, aber sie tun es, weil Sachzwänge und Selbsterhaltungstriebe auf kurze Sicht dieselbe Sprache sprechen und ihnen sagen, es müsse sein." Aus: Peter Sloterdijk, "Kritik der zynischen Vernunft". 1. Band, S. 37 (Frankfurt/M. 1983)

Ein sehr wirksames Antidot gegen die Corona-Depression ist Spike Lees "David Byrnes American Utopia". Es handelt sich dabei um einen Mitschnitt der gleichnamigen Broadway-Produktion, die vom Oktober 2019 bis zum Februar 2020 im Hudson Theatre gezeigt wurde. Nur mit ihren Instrumenten (die kabellos über Infrarotsender mit der Tonanlage verbunden sind) und gekleidet in einheitliche graue Anzüge, bewegen sich Sänger David Byrne und seine elf Musiker:innen in einer atemberaubenden Choreografie über die leere Bühne. Von der musikalischen und kinetischen Energien und den sehr witzigen Moderationen des Frontmanns einmal abgesehen, ist eines besonders berührend: In dem vollbesetzten Theatersaal kommen sich Publikum und Performer verdammt nahe. Am Sonntag, den 30.5. um 20 Uhr läuft "David Byrnes American Utopia" noch einmal im Filmhaus.

Auf sehr sinnliche und witzige Weise und mit einer Vielfalt von Materialien, die auch Zucker und Jute umfassen, befasst sich die Künstlerin Maja Vukoje in ihren Bildern mit Themen wie Kolonialismus und Transkulturalität. Ihre Schau "Auf Kante" ist derzeit im Belvedere 21 zu sehen. Eine Besprechung von Matthias Dusini können Sie hier lesen.

Man wird den Humor, den David Walliams und Matt Lucas in ihrer TV-Satire "Little Britain" bedienen, durchaus als "respektlos" bezeichnen dürfen. Quer zu aller identitätspolitischen Correctness steht er sowieso. Jetzt haben die beiden für all jene, die ihren Schmäh goutieren und mit den Figuren und Sub-Formaten von "Little Britain" vertraut sind, eine sehr hübsche minimalistische Lockdown-Ausgabe erstellt, die Sie hier sehen können.

Im FALTER-Buchclub auf Facebook startet demnächst wieder ein Lesekränzchen, ein digitaler Lesekreis, in dem gemeinsam gelesen und diskutiert wird. Diesmal hat der Residenz Verlag das Buch "Du bist dran" der Poetry Slammerin und Wortkünstlerin Mieze Medusa zur Verfügung gestellt. Bis Montag können Sie sich noch für eines der 10 kostenlosen Leseexemplar in Stellung bringen. Dafür müssen Sie einfach nur diesem Link folgen und unter des Lesekränzchen-Posting kommentieren. Wir freuen uns, wenn Sie mit dabei sind!


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!