Was darf eine Tennisspielerin? - FALTER.maily #530

Anna Goldenberg
Versendet am 02.06.2021

die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka beschrieb sich selbst stets als schüchtern. Doch als die 23-jährige vergangene Woche ankündigte, bei der Pressekonferenz der French Open keine Journalistenfragen zu beantworten, ging das zu weit. Ob die Frau nun Rang zwei der Weltrangliste der Damen ist oder nicht, ein solches Verhalten verstößt gegen die Regeln des Turniers. Osaka drohten Bußgelder und der Ausschluss. Daraufhin schrieb Osaka auf den sozialen Medien, dass sie gerade an Depressionen und Angstzuständen litt, und zog sich aus dem Turnier zurück.

Die Tenniswelt ist mir großteils fremd, doch dieser Zwischenfall faszinierte mich, weil er wichtige Fragen aufwirft. Da ist etwa Osakas Offenheit über ihre psychische Erkrankung. Eine gute Sache, keine Frage, zumal bislang Profisportlerinnen und -sportler sonst eher nur über vergangene Probleme sprachen. Zuzugeben, dass man sich gerade in einer Akutphase befindet, ist selten – und mutig.

Gleichzeitig ist Osakas Entscheidung auch eine problematische, da sie die Medien pauschal zu Gegnern erklärt. "Die Medien spielen noch immer eine wichtige Rolle, um unsere Geschichte zu erzählen", twitterte Ex-US-Tennisstar Billie Jean King, die erste prominente Profisportlerin, die sich als lesbisch outete, es war im Jahr 1981.

Zwischen den Zeilen vieler Kommentatorinnen und Kommentatoren schwingt ein weiterer Vorwurf an Osaka mit: Sie sei undankbar, die Medien haben sie schließlich groß gemacht. Davon hat Osaka profitiert.

Als parasoziale Beziehung wird das Verhältnis zwischen Medienfiguren und deren Rezipientinnen und Rezipienten beschrieben. Wer Osaka spielen sieht, sie reden hört, fühlt sich ihr verbunden, ist es aber nicht. Eine solche Beziehung lässt viel Raum für Interpretationen. Man kann nur vermuten, was sie denkt und spürt, und umgekehrt kann auch Osaka nur vermuten, was man von ihr hören will.

Osaka hat sich dieser Beziehung ein Stück weit entzogen. Das ist ihr gutes Recht. Nur weil sie von ihrer Prominenz profitiert, muss sie sich nicht alles gefallen lassen. Doch Osaka hätte auch formulieren können, welche Journalistenfragen ihr warum unangenehm sind, und so eine Debatte starten können. Das tut sie nicht. Schade. Stattdessen weicht sie auf ihre eigenen Kanäle auf den sozialen Medien aus. Wo sie vermutlich erst Recht mit respektlosen Fragen konfrontiert wird. Die kann sie war ignorieren, doch die Menschen davon abhalten, eine bestimmtes Bild von ihr zu entwerfen, wird sie nicht. Es passiert dann nur ohne journalistische Sorgfalt.

Einen schönen Feiertag wünscht

Anna Goldenberg

Apropos Sport: Am 11. Juni startet die Fußball-Europameisterschaft der Herren. Dem aktuellen Falter liegt der liebevoll von Stefan Biedermann alias DJ DSL designte Turnierplan bei. Und im Ressort Stadtleben erklärt Kollege Lukas Matzinger, warum die EM kaum jemanden zu kümmern scheint. Es hat längst nicht nur mit Corona zu tun.

Die "Islam-Landkarte", die die von der Regierung eingerichtete Dokumentationsstelle Politischer Islam vergangene Woche präsentierte, erhitzt die Gemüter. "Für wen macht Susanne Raab ihre Integrationspolitik?", fragte sich Falter-Kolumnistin Melisa Erkurt. Falter-Chefreporterin Nina Horaczek analysiert, wie der Islam zum liebsten "Buhmann" der österreichischen Politik wurde.

"Was wir unterschätzt haben, das ist die Bildsprache, das sage ich auch selbstkritisch. Wenn Sie die Österreich-Karte haben und sie sehen die islamischen Moscheevereine, dann vermittelt das den Eindruck einer völligen Überwanderung. Das hat zu einem doppelten Backlash geführt. Einerseits sind die Ressentiments der integrationsskeptischen bis rassistischen Teile der Bevölkerung verstärkt worden, dass es eine Überwanderung gibt. Und gleichzeitig hat man in der muslimischen Bevölkerung das Gefühl gehabt, jetzt zeigt man mit dem Finger auf uns." – Kenan Güngör, Integrationsforscher

Auch im morgigen Podcast mit Raimund Löw geht es um die "Islam-Landkarte". Es diskutieren die Nationalratsabgeordnete Faika El-Nagashi (Grüne), Adis Šerifović (Muslimische Jugend Österreich), der oben zitierte Integrationsforscher Kenan Güngör und der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide (Dokumentationsstelle politischer Islam).

Als Gernot Blümel das Urteil des VfGH ignorierte und sich weigerte, Unterlagen an den U-Ausschuss zu liefern, fühlte sich der polnische Journalist Bartosz T. Wielinski (Gazeta Wyborcza) zum ersten Mal in der österreichischen Politik wie zu Hause. Nachdem er in seinem Heimatland Polen die autoritäre Wende in Form der Untergrabung der Justiz und freien Presse miterleben musste, hat er in seinem Gastkommentar einen Rat für die Menschen in Österreich.

Im jüngsten FALTER-Buchpodcast mit Petra Hartlieb ist die Autorin Judith Hermann mit ihrem Roman "Daheim" zu Gast. Die beiden sprechen über Einsamkeit, Aufbrüche und Abschiede und wie sich der Sehnsuchtsort "Daheim" durch die Pandemie verändert hat. Hier können Sie das Gespräch nachhören.

Kennen Sie schon die FALTER-Hängematte? Sie wird von "Ticket to the moon" hergestellt, ist leicht, weich und baumfreundlich. Ideal für einen entspannten Nachmittag im Garten oder Park.

Am morgigen Feiertag erhalten Sie keine Post von uns. Am Freitag meldet sich dann meine Kollegin Stefanie Panzenböck zurück. Genießen Sie die Sonne!

Deine tägliche Fahrt ins Büro. Dein Wochenendausflug in die Wachau. Dein Taxi abends vom Naschmarkt heim. Dein Beitrag zum Klimaziel. Deine guten Neujahrsvorsätze. Dein Ticket zu mehr Lebensfreude.

Das Specialized Sirrus vereint das alles, und noch vieles mehr - Erhältlich bei Citybiker.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!