Friederike Mayröcker - FALTER.maily #531

Stefanie Panzenböck
Versendet am 04.06.2021

es war sehr warm in Friederike Mayröckers Wohnung. Die Schriftstellerin empfing mich an der Tür. Da stand sie. Groß, zart, schwarz gekleidet, die schwarzen Stirnfransen ins Gesicht frisiert. Es war kurz vor ihrem 95. Geburtstag und sie hatte einem Interview (wir haben es freigeschaltet) zugestimmt.

Heute ist die bedeutendste Lyrikerin deutscher Sprache gestorben, sie wurde 96 Jahre alt. Mayröcker veröffentlichte über 120 Bücher, das letzte im vergangenen Jahr, "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" (Suhrkamp).

Mayröckers Texte, die Lyrik, Prosa oder beides oder eben nichts von beidem sind, gelten als schwierig. Große Bilder erscheinen in knappen Sätzen oder Satzteilen, Eindrücke des Alltags vermengen sich mit Träumen oder mit Gedanken an Menschen, die der Dichterin nahe sind oder die sie bewundert. Sie selbst schrieb: "einfach nur lesen, was da steht, mehr ist nicht drin, mehr ist nicht da, aber das ist ja wirklich genug, das genügt, um den abgebrühtesten Kerl zum Heulen zu bringen, nicht wahr."

Friederike Mayröcker zeigte mir an diesem kalten und verregneten Dezember-Nachmittag den Weg durch ihre Wohnung. Es war so, wie man es von vielen Fotos kennt. Möbelstücke waren kaum zu erkennen, alles war übersät mit Zetteln und Büchern. Zwischen den Blätterbergen fanden wir Platz. Mayröcker sprach leise. "Ich spreche nicht gern. Schon als Kind habe ich nicht gern gesprochen. Ich sprech nicht gut, drum schreib ich ja. Das ist dann immer die Erklärung", wird sie später erwähnen.

Sie habe Angst vor diesem Geburtstag sagte sie. "Ich bin furchtbar alt und habe Angst, dass es zu Ende geht." Gerade habe sie das Manuskript für ein neues Buch bei Suhrkamp abgegeben. "Ich habe Angst, dass ich es nicht mehr erlebe, wenn es erscheint." Das sei dann ihr letztes. Fünf Schreibmaschinen - es muss immer eine Hermes Baby sein - habe sie noch im Vorrat. Die werde sie wohl nicht mehr alle brauchen, meinte sie damals. Das Buch, jedenfalls, konnte sie im Spätsommer 2020 in Händen halten.

"Ich hasse den Tod", sagte Mayröcker in diesem Gespräch. "Canetti hat ihn auch gehasst. Ich kann es nicht begreifen, dass man abtreten muss. Es ist einfach furchtbar."

In ihrem Buch "Pathos und Schwalbe" (Suhrkamp, 2018) findet sich dieses Gedicht:

Vollmond über Lentas saugt den Wahn der Wellen

des Meeres, weh mir, Zierde des blauen Monds : näm-

lich Hortensien-Charme (welkende Zichorie, habe

mich ausgeblutet in den vergangenen Wochen : fühle

nur keinen Schmerz mehr). Am Strand dessen, DER

PISSENDE TOD von Munch, usw.,

1./2.10.16

Dann erzählte sie auch von Glück. Als sie Ernst Jandl, ihren späteren Lebenspartner, 1954 in Innsbruck während der "Jugendkulturwoche" getroffen hatte. "Wir haben uns nicht gekannt. Aber in Innsbruck haben wir uns einander schon genähert. Und es war so, dass wir beide das Gefühl gehabt haben, jetzt wollen wir beide nichts wie schreiben. Ich war so glücklich in Innsbruck." Ob sie jetzt auch glücklich sei? "Ich kann schon manchmal sagen, dass ich sehr glücklich bin. Besonders, wenn ich schreiben kann." - "Schreiben, Leben und Glück, das ist eins." - "Ja".

Mayröcker hatte schon immer ein sehr junges Publikum und sie förderte junge Dichterinnen. Eine von ihnen ist die Autorin und Journalistin Sonja Harter, die mit Mayröcker über viele Jahre verbunden war. Die Dichterin schrieb für Harters Lyrikband "einstichspuren, himmel." (Leykam, 2008) das Vorwort. In ihrem aktuellen Buch "katzenpornos in der timeline" (Luftschacht Verlag, 2020) widmet Harter Mayröcker eines ihrer Gedichte. Es entstand anlässlich der Uraufführung von Mayröckers "Oper!" beim Kultur.Sommer.Semmering im Jahr 2017.

semmering

wie hingedroschen

die stätte einstiger erholung

abtreibung abreibung sommerfrische

ausschreitungen anderer natur

zwischen sanften hügeln

und tunnelblick.

Verbringen Sie ein schönes Wochenende,

Stefanie Panzenböck

Bücher von Friederike Mayröcker können Sie im Faltershop erwerben. In den letzten Jahren veröffentlichte Sie unter anderem die Trilogie "études" (2013) "cahier" (2014) und "fleurs" (2016) sowie "Pathos und Schwalbe" (2018) und "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" (2020). Alle Bücher sind bei Suhrkamp erschienen.

Der Autor und Regisseur René Pollesch übernimmt die Leitung der Berliner Volksbühne. Die Premiere seines neuen Stücks ist aber nicht dort, sondern in Wien bei den Festwochen zu sehen. Martin Pesl sprach mit Pollesch über Theaterdemokratie, Femwashing und seine Pläne für Volksbühne. Das Interview können Sie hier nachlesen.

Vor einigen Wochen durfte ich den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan in Graz interviewen. Er sprach über seine Stadt Sarajevo und die Mühe, Menschen immer wieder zu erklären, warum man sein Land nicht teilen kann. Nun wurde eines von Karahasans wichtigsten Werken, "Tagebuch der Übersiedlung", neu übersetzt. Weitere Bücher von Karahasan finden Sie hier.


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