Partyspaß und Pfefferspray - FALTER.maily #532

Lukas Matzinger
Versendet am 06.06.2021

kurz nach eins knallt's: Behelmt, beschildert und mit Pfefferspray im Holster marschieren Polizisten vom Einsatzkontingent Delfin am Wiener Karlsplatz auf. Ihre Montur ist martialisch, sie wollen diesen Platz schließlich räumen. Die Beamten bilden Ketten und laufen los, Videos davon verstören.

Denn ihnen gegenüber standen in der Nacht auf Samstag keine gewaltbereiten Gegner der Pandemiepolitik und keine heldenmütigen Hooligans der Großklubs, – sondern einige hundert feiernde Jugendliche. Sie waren zum Singen, Trinken, Jungsein an den Karlsplatz geströmt, nach der Gastrosperrstunde um 22 Uhr kamen noch mehr.

Polizisten berichten, Betrunkene seien auf Statuen geklettert und im Teich geschwommen, hätten Zäune eingetreten, Beamte mit Glasflaschen beworfen und Dienstautos demoliert. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) sprach ungeschaut von "Provokationen bekannter linker Aktivisten", in der Nacht darauf ließen seine Leute sogar den ganzen Karlsplatz nach dem Sicherheitspolizeigesetz sperren. Als wollte die Exekutive ein Exempel statuieren.

Diese Truppenschau war überzogen, trotzdem lohnt sich die Betrachtung des Einsatzgrundes: An sich ist noch Pandemie, Bademeister und Gastgartenkellner verlangen noch Testnachweise, unkontrollierte Massenaufläufe sind noch aus guten Gründen verboten. Die Sehnsüchte der Jugend aber lassen sich offenbar nicht länger regeln.

Ein Jahr lang haben die Jungen zum Wohle der Alten in ihren Zimmern ausgeharrt, jetzt, da das Virus vom Menschen ablässt, holen sie an warmen Abenden ein wenig Leben nach. Sie verteilen sich eher schlecht auf die dutzenden Wiener Parks und Plätze und das kilometerlange Ufer des Donaukanals, sondern wollen beisammen sein: auf zwei oder drei zurückeroberten zentralen Stellplätzen.

Was also tun, wenn die Feierwut einer Generation die Aufnahmefähigkeit ihrer Orte und die epidemiologische Vernunft übersteigt? Wenn sich so viele Menschen am Karlsplatz drängen, dass man das Wort Abstand nicht mehr versteht, und wenn der Donaukanal so gedrängt ist, dass Menschen ins Wasser zu fallen drohen?

Würde Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) morgen städtische Partyzonen mit Eintrittstests eröffnen, wäre der Zufluss fraglich: Die Freiheit dieser Tage besteht ja genau darin, sich unkompliziert mit Billigbier an Knotenpunkten zu versammeln. Dass die uniformierte Staatsgewalt dort Jugendliche kriminalisiert, kann nicht die Lösung sein. Dieses Dilemma wird in den kommenden Wochen nicht verschwinden. Die Regierung, die Polizei und die Gemeinde müssen einen Ausweg finden, am besten vor dem kommenden Wochenende. Es ist Sonne angesagt.

Lukas Matzinger

Thema Tanzen: Ich bin fortlaufend erstaunt, dass der französische Musiker und Discoproduzent Jean-Marc Cerrone schon 1977 ziemlich viel von dem vorweggenommen hat, was 40 Jahre später in Großstadtklubs als House-Musik läuft. Das Titellied vom damaligen Album "Cerrone 3: Supernature" ist ein Partybrett, das nicht altern will.

Über "gute" und "böse" Grenzen sprachen Melisa Erkurt, Gerald Knaus und Armin Thurnher im Rahmen der Preisverleihung des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch 2020. Der Talk ist jetzt bei uns im Podcast verfügbar.

Um den "Fall Meduza" geht es in der Podcast-Episode von Samstag. Darin sprechen die Gründerin des populären Onlinemediums Meduza, Galina Timtschenko, und die Auslandskorrespondentin Tessa Szyszkowitz über die düsteren Aussichten für Medien in Russland.

Der Blick von außen unterfüttert mit der Expertise von innen: In diesem "Dossier Politik" beleuchtet der Bayrische Rundfunk die vielen Facetten der Krise der ÖVP. Im Studio war Barbara Tóth zu Gast, hier können Sie die Sendung nachhören.

Haben Sie schon gehört? Zu unserer großen Freude wird die Radikalisierungsforscherin Julia Ebner Kolumnistin im Falter. In diesem Video stellt sie sich, ihre Forschungsschwerpunkte und ihre Kolumne vor, hier können Sie sich für "Ebner im Netz" anmelden.

Der jüngst im Falter Verlag erschienene Wien-Radführer "Vienna Biking" zeigt nicht nur das historische Wien, sondern regt auch an, neue Grätzel und Stadtentwicklungsgebiete der Stadt zu erkunden. Ergo auch für Ur-Wienerinnen und Wiener geeignet. Manchmal fährt man außerdem an Orten mit gutem Essen oder schönen Ausstellungen vorbei. Morgen stellt die Autorin Irene Hanapi das Buch erstmals vor. Ab 19h am Dach der Buchhandlung Seeseiten in der Seestadt Aspern. Der Eintritt ist frei, dafür sind ein 3G-Beleg und eine verbindliche Anmeldung per Mail oder Telefon (01/2531520) ein Muss.

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