Heumarkt II-Potential - FALTER.maily #533

Birgit Wittstock
Versendet am 07.06.2021

am Naschmarkt braut sich ein Konflikt zusammen, der Heumarkt II-Potential hat: Die Rede ist vom Streit um die geplante Markthalle auf dem 12.000-Quadratmeter großen Parkplatz, auf dem samstags traditionell der größte Flohmarkt der Stadt stattfindet.

Dem Projekt blies bereits frostiger Wind entgegen, als es im vergangenen Herbst während des Wien-Wahlkampfs erstmals in Form eines ziemlich schaurigen Renderings aufpoppte. In den sozialen Medien sorgte es für Häme und Kritik. Carport und Tankstelle zählten zu den netteren Kommentaren. Man habe mit dem Rendering lediglich eine Idee veranschaulichen wollen, versuchte die zuständige Planungsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) damals zu beruhigen. Der Architekturwettbewerb würde erst starten.

Im April eröffnete Sima die Bürgerbeteiligung für das rote Herzensprojekt. An die 10.000 Haushalte in den angrenzenden Bezirken Wieden, Margareten und Mariahilf lud sie per Postwurfsendung ein, sich mit ihren Ideen für die Gestaltung der riesigen Betonfläche einzubringen. Bloß: Ob die Anrainerinnen und Anrainer die Markthalle überhaupt wollen, stand dabei nie zur Debatte.

Inzwischen wird das Projekt nicht nur von den Wiener Grünen mittels Gegenvorschlag "Naschmarktpark" und Petition mit aktuell mehr als 18.500 Unterschriften torpediert, längst haben sich auch Anrainerinnen und Anrainer zusammengetan. Die BürgerInnenintiative Freier Naschmarkt brachte eine Petition mit mehreren hundert Unterschriften im Gemeinderat ein, vor zwei Wochenenden wurde am Naschmarkt gegen die Halle demonstriert. Und auch die Wiener FPÖ ist mittlerweile auf das Thema angesprungen. Während die Grünen ihr eigenes Wahlkampfprojekt vom vergangenen Herbst bewerben und sich die Initiative Freier Naschmarkt für einen politisch unabhängigen Diskurs mit Bürgern und Expertinnen und gegen die Verbauung der Fläche einsetzt, wollen die Freiheitlichen lediglich die Parkplätze erhalten.

Die blaue Vision einer Markthalle, die der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp vergangene Woche präsentierte, steht anderenorts und ist vor allem eines: ein Zeugnis des Unverständnisses für Stadtplanung und die Bedeutung des öffentlichen Raums als Aufenthaltsort für alle.

Das FPÖ-Rendering zeigt eine Halle von der architektonischen Finesse eines Containers, auf den gesamten Christian-Broda-Platz schräg gegenüber des Westbahnhofs geklotzt. Damit, so die FPÖ, würde man den Ort von zwei ihr unliebsamen Bevölkerungsgruppen befreien: den Demonstranten, die hier traditionell ihre Züge starten und der "Problemklientel", wie Nepp die Obdachlosen und Suchtkranken bezeichnete, die hier vor allem im Sommer Schatten finden.

Von der FPÖ ist man Jenseitiges gewöhnt. Dass die SPÖ so stur an der umstrittenen Halle festhält, überrascht hingegen. Zwar vermeidet man in Aussendungen neuerdings das Wort Markthalle und spricht lieber von einem Grätzelzentrum, und auch das Beteiligungsverfahren wurde um einen Monat bis Juli verlängert. Warum die Stadt aber ausgerechnet in diesem ohnehin bereits dicht verbauten Gebiet inmitten historischer Ensembles und neben einem Markt, der in erster Linie Touri-Kulisse und Gastro-Meile ist, eine weitere 5000-Quadratmeter-Markthalle braucht, ist schwer nachzuvollziehen. Zumindest so lange sie keine Studien auf den Tisch legt, die die Notwendigkeit der Halle an diesem Ort belegen.

Dass der Planungsstadträtin der historische Londoner Borough Market so gut gefällt, dass sie nun von einem "Hauch von London vor dem Wiener Naschmarkt!" träumt, wie Sima mehrfach auf Facebook schrieb, ist zu wenig.

Birgit Wittstock

Apropos Markthalle: Die hatten ja einst auch in Wien Tradition, doch die Stadt ließ sämtliche historische Hallen abreißen beziehungsweise überlässt sie die letzte noch bestehende in der Nussdorfer Straße seit 2001 einer Supermarktkette. Erinnern Sie sich beispielsweise noch an die Markthalle Wien Mitte, die 2008 zusperrte? Elizabeth T. Spira hat ihr 1995 eine Alltagsgeschichte gewidmet und wenn Sie schon dabei sind, dann sollten Sie sich unbedingt auch noch die Alltagsgeschichte über den Brunnenmarkt anschauen.

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