"Mehr guten Sport!" (Brecht) - FALTER.maily #538

Armin Thurnher
Versendet am 13.06.2021

sorry, dass ich Sie heute ausnahmsweise einmal mit Sport behellige. "Wenn sie Sport genau so weit treiben, als er gesund ist, ist es dann Sport, was sie treiben? Der grosse Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein", sagte Bertolt Brecht, ein großer Boxfan. Wir stehen vor großen sportlichen Wochen. Die Fußball-Euro begann gleich mit einer Matchunterbrechung, weil der dänische Spieler Christian Eriksen im Spiel gegen Finnland kollabiert war und einen Herzstillstand erlitt (er überlebte, weil ein Defibrillator zur Stelle war. Die Finnen siegten 1:0).

Das Tennisturnier von Paris ging mit unglaublichen Leistungen zu Ende. Leider hängt Dominic Thiem derzeit in den Seilen und fliegt in der ersten Runde hinaus, wo man gewohnt ist, ihn im Finale oder im Halbfinale zu sehen. Man wird verwöhnt und hängt seine Erwartungen zu hoch. Vielleicht sollte man einmal kurz innehalten und überlegen, was der Kerl bisher schon alles geleistet hat. Das merkt man erst, wenn er es einmal (hoffentlich nur kurzfristig) nicht mehr tut.

Das kann uns im Fußball nicht passieren. Wir haben zwar ein paar Kicker, die Weltklasse sind (vielleicht ist es auch nur David Alaba), aber als Mannschaft sind wir eine Garantie für Enttäuschungen. Überzogene Erwartungen, wie immer, von Realismus keine Spur. Heute Abend, wenn Sie das lesen, wissen wir schon mehr. Nichts wäre mir lieber, als würde ich irren.

Wir haben neuerdings Kommentatorinnen im TV, die es schaffen, meine in sie gesetzte Hoffnung zu unterlaufen. Ich hatte gehofft, sie würden jenen überdrehten Ton vermeiden, der durch Anheben der Lautstärke, sprich durch Geschrei so etwas wie Dramatik zu erzeugen meint. Ein dramaturgischer Irrtum, auf den meine Frau allergisch reagiert, was es mir unmöglich macht, Spiele mit Ton anzusehen, wenn sie auch nur in der Nähe ist.

Meine Anregungen werden von den Verantwortlichen beharrlich ignoriert. Ich erwarte seit Jahrzehnten, dass ich den Originalton vom Kommentar trennen kann, aber die Führungskräfte der TV-Stationen sind davon überzeugt, dass ihre Kommentatoren und eben auch Kommentatorinnen ein Geschenk für uns darstellen. Danke für all die Geschenke!

Österreichs Nationalmannschaft wird übrigens in türkis-schwarzen Dressen antreten. Ich habe kurz versucht, ein Volksbegehren gegen den Missbrauch dieser schönen Farbe anzuregen. Der Dressenhersteller beharrt jedoch darauf, die Entscheidung aus eigenem Antrieb getroffen zu haben. Eine türkische Fast-Food-Kette scheint auch nichts mit der Farbwahl zu tun zu haben.

So warten wir denn gespannt, ob unsere Kicker im türkisen Gewand die Eleganz und Raffinesse unserer Regierungspartei erreichen, der sie anscheinend nacheifern.

Ich freue mich schon auf Wimbledon, dort tragen sie Weiß, und auf die Tour de France, bei der es um Gelb, Grün und Weiß-Rotgepunktet geht.

Eine sportliche Woche, auch wenn Sie das alles gar nicht interessiert, wünscht

Armin Thurnher

Die Pandemie klingt ab, aber sie ist nicht vorüber. Noch lange nicht, den Lockerungsübungen unserer Politiker zum Trotz. Die Seuchenkolumne beschäftigt sich aber nicht nur mit ihr, sondern mit allen aktuellen Vervirungen und Verwirrungen, und an denen ist nie Mangel. Abonnieren Sie das gute Stück, sie bereichert Ihren Morgen (außer Sonntags).

In seinem ersten, ausführlichen Interview mit Florian Klenk, Matthias Dusini und Lukas Matzinger erklärt Andreas Gabalier seinen Zugang zu Hymne und Heimat, Feminismus und Homosexualität, verrät, ob er schon einmal Kokain probiert oder die FPÖ gewählt hat, und erläutert, warum er gegen eine Millionärssteuer ist. Gibt’s akustisch und auch zum Lesen.

Birgit Minichmayr ist eine tolle Schauspielerin; neuerdings singt sie auch. Mit Stefanie Panzenböck sprach sie über ihren Zugang zur Musik. Ein feines Gespräch.

Der legendäre TV-Moderator Robert Hochner starb vergangenen Samstag vor 20 Jahren. In den letzten Tagen vor seinem Tod gab er mir sein letztes Interview. Der Falter hat dieses Dokument freigeschaltet (hier und hier); in einer Seuchenkolumne habe ich noch einmal an Robert Hochner erinnert.

Einfach schön...

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