Claus Gatterer - FALTER.maily #549

Stefanie Panzenböck
Versendet am 25.06.2021

zugegeben, es ist kein Datum, dem man nach gängigen medialen Kriterien viel Bedeutung beimessen würde. Aber es ist eine Möglichkeit, von dem großen Journalisten, Dokumentarfilmer und Historiker Claus Gatterer zu erzählen. In drei Tagen, am 28. Juni, jährt sich sein Todestag zum 37. Mal.

In einem Südtiroler Dorf im Jahr 1924 geboren, verantwortete Gatterer von März 1974 bis Jänner 1984 das politische Magazin "teleobjektiv" im ORF. Nicht die politische Elite sollte im Vordergrund stehen, nicht die Konzernchefs, sondern die Menschen, die von deren Entscheidungen betroffen waren. Institutionen, die als unantastbar galten, wie die Polizei, Psychiatrien oder die Kirche wollte "teleobjektiv" hinterfragen. Aus dem Dunkel Sachverhalte zu befördern, die viele unbequeme Fragen aufwarfen, war die Devise.

"Gatterer war das Gegenteil eines Ideologen", schrieb die Filmemacherin Elizabeth Toni Spira, eine seiner engsten Mitarbeiterinnen, im Nachwort zu dessen Tagebüchern. "Sein Engagement für Minderheiten, Ausgestoßene und Arme kam aus seinem Herzen. Er liebte die Menschen, je ohnmächtiger, je schicksalsbedrohter, desto mehr. Und sein derart gescheites Eintreten für die kleinen Leut' kam aus seinem Geschichtsbewusstsein."

Und seiner Herkunft. Gatterer wurde am 24. März 1924 in Sexten geboren, als erstes von neun Kindern. Seine Eltern, Maria und Nikolaus, betrieben eine Landwirtschaft. Die Zeiten waren hart. 1919, ein Jahr nachdem Österreich den Ersten Weltkrieg verloren hatte, wurde der südliche Teil Tirols Italien zugesprochen, drei Jahre später kam der Faschist Benito Mussolini an der Macht. Die Familie auf dem Südtiroler Hof wollte mit dem Duce in Rom nichts zu tun haben. Sie definierte sich als katholisch und österreichisch. Als Adolf Hitler die deutschsprachigen Südtiroler aufforderte, Italien zu verlassen und nach Deutschland zu ziehen, blieben die Eltern Gatterer standhaft. Was brauchten sie Hitler und sein nationalsozialistisches Regime, um deutsch zu sein, empörte sich der Vater. Er und seine Familie wurden zu sogenannten Dableibern und damit Teil einer geächteten Minderheit.

Diese Erfahrung würde Gatterer sein Leben lang beschäftigen. Sie hatte ihn Empathie gelehrt. Menschen sollten gleichberechtigt miteinander leben. Das galt auch und vor allem für seine Heimat. Er sprach sich für die Autonomie Südtirols und gegen den Nationalismus der deutschsprachigen Volksgruppe aus.

Von seinem Team im ORF verlangte er akribische Recherche und schnörkellose Texte. Gleichzeitig sah er es als selbstverständlich an, für die Schwächeren Partei zu ergreifen. In seinem Büro hing der Leitspruch: "Tatsachen sind niemals ausgewogen." Für seine Gegner war das ein gefundenes Fressen. "teleobjektiv" sei eine linke Propagandasendung, so der Tenor. Gatterer habe "linke Jungpriester" um sich versammelt, formulierte es Generalintendant Gerd Bacher.

Am 23. Jänner 1984 setzte sich Gatterer zum letzten Mal vor die Kamera, um seine Sendung "teleobjektiv" anzusagen. Zehn Jahre hatte er um das Magazin gekämpft.

Gatterer zog Bilanz: "Das Fernsehen verlöre seinen Sinn, wenn es von Ängstlichen für Ängstliche gemacht würde", rief er sein Motto für die Zuseher noch einmal in Erinnerung. Es sei eine "leise Sendung" gewesen, "die sich mit Menschen in Schattentälern unserer Sonnenlandschaften beschäftigt. Er und sein Team hätten immer wieder gehofft, "Freunde und Verbündete gerade bei jenen zu finden, die von Amtswegen für diese Menschen im Schatten zuständig sind." Doch eingetreten sei "vielfach das Gegenteil. Wo wir auf Verbündete gehofft haben, sind wir leider oft auf Gegner gestoßen. Als unsere wahren Verbündeten haben sich das ORF-Gesetz und eine in ihrer anhänglichen Treue ungemein zähe Seherschaft erwiesen."

Fünf Monate danach starb Claus Gatterer an einer Krebserkrankung.

Heute erinnert unter anderem ein jährlich vergebener Preis an ihn. Vergangene Woche erhielt der ORF-Journalist Ed Moschitz die "Auszeichnung für hervorragenden Journalismus im Gedenken an Claus Gatterer" für seine beiden "Am Schauplatz"-Reportagen über den Coronavirus-Hotspot Ischgl.

Stefanie Panzenböck

Der Autor Thomas Hanifle hat nicht nur Claus Gatteres Tagebücher herausgegeben, sondern auch seine Biografie geschrieben. Zudem zeichnet Hanifle für die Website verantwortlich, auf der Sie unter anderem Interviews mit Wegbegleitern von Claus Gatterer finden. Claus Gatterer historisches Hauptwerk "Im Kampf gegen Rom - Bürger, Minderheiten und Autonomien in Italien" (1968) können Sie zum Beispiel in der Wien Bücherei bestellen. Sein Buch über seine Kindheit in Südtirol (1969) finden Sie hier.

Internationale Rindertransporte sind schon länger verschrien, Gerlinde Pölsler hat sich für den aktuellen FALTER angesehen, wie sie hierzulande ablaufen. Die traurige Zusammenfassung lautet: schlecht. Viele Kälber sind zu jung und fahren viel zu lange: Bis zu drei von zehn Kälbern sterben nach Transporten innerhalb Österreichs. Hier finden Sie den Artikel "Tod nach Österreichrundfahrt".

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