Ringeltanz - FALTER.maily #553

Eva Maria Konzett
Versendet am 30.06.2021

heute in der Früh, als die Stadt noch brütete, da war Sibirien im Landesgericht für Strafsachen in Wien. Die Klimaanlage hatte den marmorgetäfelten Schwurgerichtssaal auf Eiszeit gestellt. Die Worte von Staatsanwältin und Richterin verschluckte der glatte Stein. Auf der Anklagebank saß ein Men-Only-Panel, dunkle Anzüge, schnittige Frisuren: aufgereiht acht Polizeibeamte, nur von ihren Verteidigern getrennt.

Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft vor, am 13. Jänner 2019 einen Tschetschenen misshandelt zu haben. Wobei zwei der Polizisten Gewalt ausübten und sechs Weitere einfach zuschauten. Tatort war ein "Café Bauchstich", wie die Polizisten es nennen, in Wien-Favoriten. Eine ehemalige Trafik mit verdunkelten Scheiben. Im zehnten Bezirk, sagt der Erstangeklagte, sei die Anspannung einfach immer da. Deshalb seien die Kollegen geblieben, noch als längst klar gewesen war, dass in dem Lokal keine Schlägerei stattgefunden hatte – mit diesem Hinweis war ein Notruf eingegangen –, sondern dass hier offenbar zwei Männer an illegalen Glücksspielautomaten gezockt hatten.

Es ist also dunkel, es ist eng, als an jenem frühen Jännertag um 00.46 Uhr sich der eine der beiden vorgefunden Männer weigert, seinen Ausweis zu zeigen, so zumindest erzählt es der Angeklagte. Zwei Mal geht der Beamte den Tschetschenen S. an. Er packt in am Schlafittchen, drückt ihn gegen die Wand, zerrt ihn zu einer Couch. Er prügelt auf dessen Brustkorb. Er tritt ihn in den Unterleib, schleift ihn nochmals zur Couch, wobei der Tschetschene mit dem Kopf an die Wand knallt. Er selbst habe einen schlechten Tag gehabt, Streit mit der Verlobten, lange Dienstzeiten. "Ich habe übertrieben".

Richterin: Gab es eine Notwendigkeit, den Mann an die Wand zu drücken?

Angeklagter: Nein.

Richterin: Gab es eine Notwendigkeit, den Mann auf die Couch zu drücken?

Angeklagter: Nein.

Richterin: Hat S. (das Opfer, Anm.) irgendetwas getan, dass das rechtfertigt?

Angeklagter: Nein.

Richterin: Kann man sagen, dass das nichts mit einer legitimen Amtshandlung zu tun hatte?

Angeklagter: Ja.

Von seiner Suspendierung erfährt der Angeklagte erst am 16. Juli 2020, mehr als ein Jahr nach dem Vorfall. Die Kollegen hatten am Tatort nicht eingegriffen, danach haben sie den Übergriff vertuscht. Der zweite wegen Körperverletzung Angeklagte – er hatte den wehrlosen Tschetschenen ein paar Minuten später grundlos ins Gesicht geschlagen–, gab an, dass er eigentlich hätte eingreifen müssen. Tat er nicht. Und langte dann selber zu.

Videoaufnahmen aus dem Lokal zeigen die Beamten, wie sie aufeinandergedrängt im Raum herumstehen, während der Tschetschene einsteckt. Sie wirken ruhig. Fast gelangweilt. Das hier ist Routinearbeit. Nach dem Vorfall fahren alle zu den Dienststellen zurück. Ob sie über die Übergriffe gesprochen hätten, will die Richterin noch wissen? Haben sie nicht. Warum denn auch.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend

Eva Maria Konzett

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