Der Umweg ist das Ziel - FALTER.maily #555

Anna Goldenberg
Versendet am 02.07.2021

Am Sonntag um halb zwei zum Mittag packte mein Vater sein belegtes Brot aus. Egal, wann wir losgegangen waren, egal, wie viel er zum Frühstück gegessen hatte. Sonntag für Sonntag stapften wir durch den Wienerwald, bei jedem Wetter. Zuvor hatten wir, ernsthaft wie zwei Abenteurer vor der Polarexpedition, über dem Wienerwaldatlas am Küchentisch gebrütet, und die Route geplant. Oft verliefen wir uns trotzdem.

Ich genoss unsere Ausflüge, waren sie doch zu einer Gewohnheit geworden, voller Rituale, die wir Menschen brauchen, um unser Leben zu strukturieren und uns anstrengende Entscheidungen zu ersparen. Doch waren die Wienerwaldtouren nicht etwas, womit ich in der Schule prahlte. Schließlich gab es coolere Wochenendaktivitäten als Wandern.

Das hat sich geändert, und jedes Mal, wenn ich das ausgelutschte Klischee von den guten Seiten jeder Krise höre, muss ich daran denken. Die Pandemie hat meine Kindheitserinnerung zu einem Breitensport gemacht und mich zu einer Expertin und Trendsetterin. Endlich cool.

Tourismusverbände berichteten schon im Vorjahr von einer Zunahme an Wanderurlauben, der Alpenverein freut sich über ein Mitgliederplus, und beim Fachgeschäft Bergfuchs, das je eine Filiale in Wien und Graz hat, stieg man trotz langer Lockdowns ohne ein Minus aus. "Es kamen viele Menschen, die noch nie irgendwo wandern oder klettern waren", erzählt Geschäftsführer Thomas Rettenwender.

Schon klar, man konnte kaum irgendwo anders urlauben. Aber wir wissen auch aus der Wissenschaft, dass uns die Zeit in der Natur guttut, sie hält uns gesund, macht uns kreativer – und umweltbewusster. Wer viel wandert, engagiert sich danach mehr für den Naturschutz. Als die Corona-Regeln noch galten, war Wandern – jetzt kann ich es ja verraten – zudem die einzige Möglichkeit, sich in Gruppen zu treffen. Nicht legal, aber immerhin halbwegs verantwortungsvoll.

Neue Rituale entstanden. Jemand hat immer Mannerschnitten dabei, ich biete stets Snackgurken an. Und sind wir in der Wiener Umgebung unterwegs, nehme ich den Wienerwaldatlas von damals, auf dessen erster Seite ich mit krakeliger Volksschulschrift meinen Namen und den meines Vaters vermerkt hatte, stets mit – obwohl wir uns über Bergfex und andere Onlinedienste unsere Wege zurechtgelegt haben.

Wir verlaufen uns trotzdem oft.

Schöne Wege wünscht Ihnen

Anna Goldenberg

Mit der Frage, was man aus der Pandemie lernen kann, haben sich auch meine Falter-Kolleginnen Nina Horaczek und Barbara Tóth beschäftigt. In der aktuellen Ausgabe haben sie dreißig große und kleine Errungenschaften der Krise gesammelt – von Handysignatur über Freiluftveranstaltungen bis zu Online-Psychotherapie.

"Ich habe alles versucht, um nicht Künstlerin zu werden", sagt Stephanie Pflaum im Interview mit Nicole Scheyerer in der aktuellen FALTER:WOCHE. Das ist ihr nicht sonderlich gut gelungen. Was Pflaum allerdings exzellent beherrscht, ist quietschbunte Skulpturen aus Holzteilen oder Lampenständern, Plastikblumen, Haarteilen, Metall- und Perlenketten zu fertigen, deren farbenfroher Anschein mit morbiden Details kontrastiert wird. Hier können Sie das Porträt der Künstlerin lesen.

Ab morgen früh können Sie im FALTER-Podcast eine spannende Sendung zum Dschihadismus in Österreich hören. Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg (Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin) geht im Gespräch mit Walter Posch (Institut for Peace Support and Conflict Management, Wien) der Frage nach, warum diese gefährliche Szene so eine große ideologische Strahlkraft hat. Die Veranstaltung wurde vom Bruno Kreisky Forum organisiert und aufgezeichnet.

Aufmerksame LesererInnen und eingefleischte Pink Floyd-Fans haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass das im gestrigen Maily beschriebene Konzert der Band zwar in Ossiach, nicht aber in einem Saal, sondern im Stiftshof stattgefunden hat. Wir bedanken uns bei den aufmerksamen LeserInnen für den Hinweis. Zu unserer Verteidigung können wir nur vortragen, dass wir als echte Fans eben nur Augen für die Band selbst hatten. Sollte man gelten lassen, finden wir.

#gemeinsamdurchstarten - RAIL me up to....AMSTERDAM

So schön wie heuer war Reisen noch nie. Denn man weiß die Dinge erst dann so richtig zu schätzen, wenn sie einem fehlen. Zum Beispiel mit ÖBB Rail Tours mit dem Nightjet in die angesagtesten Städte Europas zu reisen. Vielleicht nach Amsterdam? Übrigens: maximale Privatsphäre kann man im eigenen Abteil genießen.

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