Geben Sie Seenfreiheit, Sire! - FALTER.maily #565

Klaus Nüchtern
Versendet am 14.07.2021

Bitte lesen Sie trotzdem weiter, auch wenn ich Ihnen gleich verraten werde, dass es in diesem Newsletter unter anderem um die Frage geht, was die Sprechakttheorie mit slowenischer Innenpolitik zu tun hat. Ich verspreche auch, dass ich niemanden mit dem Unterschied zwischen illokutionären und perlokutionären Sprechakten quälen werde (ich müsste selber erst auf Wikipedia nachsehen).

Für unsere Zwecke ist es eigentlich vollkommen ausreichend, sich den Titel des bekanntesten Werks des britischen Philosophen John Langshaw Austin (1911–1960) ins Bewusstsein zu rufen: "How to Do Things with Words". Sehr vereinfacht gesagt, geht es darin darum, dass man mit Sprache nicht nur Tatbestände konstatiert, sondern auch Handlungen setzt. Der Satz "Es ist kalt" etwa kann einerseits als Feststellung verstanden werden, andererseits aber auch als Wunsch oder Aufforderung, jemand möge das Fenster schließen, die Heizung aufdrehen oder der/dem Sprechenden einen Pullover bringen.

Aus sprechakttheoretischer Sicht sehr interessant sind Sätze wie "Suchen Sie jemand?" oder "Kann man Ihnen helfen?" Mit der menschlichen Zivilisation, insbesondere in ihrer Manifestation des Grundstücks- oder Eigenheimbesitzer unzureichend vertraute Wesen (freundliche Marsianer) würden hinter diesen Fragen eine Besorgtheit hinsichtlich des Wohlergehens des/der Angesprochenen vermuten. Befindet man sich allerdings gerade in der Nähe eines Sees oder Badeteiches, dann sind diese vermeintlich empathiegetriebenen Fragen zwingend mit "Schaun S’, dass weiterkommen!" bzw. "Schleich di!" zu übersetzen.

Diese Erfahrung habe ich unter anderem im Jahr 2007 gemacht, als ich anlässlich einer Wiendurchquerung von Gerasdorf (meine persönliche Nemesis!) nach Atzgersdorf versucht habe, an eines der in diesem Winkel gehäuft auftretenden Kleingewässer heranzukommen. Ich darf im Folgenden kurz aus meiner Reportage "Ich war in der Dirmhirngasse" zitieren: "Just dort, wo meine Route beginnt, ist von Seen aber kaum was zu sehen. Wegen Siedlung! Wenn da schon ein See ist, dann bau ich mir doch ein Haus dorthin, denkt der Gerasdorfer und der Süßenbrunner. Also sind die Ufer schön umstellt und abgeschirmt von einer lückenlosen Reihe thujenfortifizierter, anderthalbmannhoher Häuslein, in denen harmlose, tomatenzüchtende Pensionisten wohnen oder gefährliche Psychopathen, die auf nichts anderes sinnen als Wehrsportgruppe und Unzucht mit Kleinnagern. Es war klar, wem ich begegnen würde."

Tatsächlich war ich von einem schnauzbarttragenden Mercedesfahrer nach der initialen Inquisitionsformel "Suchen Sie jemanden?" einer peinlichen Befragung unterzogen und darauf hingewiesen worden, dass ich mich auf einem Privatgrundstück befände. Mein Hinweis darauf, dass das unvermeidliche, neben der Einfahrt angebrachte Warn-, Ge- und Verbotsschild das Betreten der Wohnanlage nicht schlechterdings untersage, sondern "auf eigene Gefahr" gestatte, beantwortete der Mann mit dem unüberbietbaren Satz: "Nua wäus ned varbotn is, gehd ma no ned äini."

Als passionierter Flaneur und Querfeldeinradler an der Stadtperipherie und im Speckgürtel von Wien betätigte ich mich auch als Teichdetektiv und Seensucher. Aber kaum habe ich ein Gewässer ausgemacht, in das jetzt an diesem brütenden heißen Sommertag gut hupfen wäre, ist dieses zugebaut, umzäunt, versperrt, mit den Tod in Aussicht stellenden Warnungen beschildert und von Menschen umlagert, die Fragen wie "Kann man Ihnen helfen?" oder "Suchen Sie jemand?" stellen.

Was das alles mit Slowenien zu tun hat? Nun, Folgendes: Vor wenigen Tagen haben die Bürger:innen dieses Landes, die sich an diesem Referendum in überraschend hoher Zahl beteiligten, eine Änderung des bestehenden Wasserschutzgesetzes mit der klaren Mehrheit von fast 87 Prozent abgelehnt – eine schallende Ohrfeige für Ministerpräsidenten Janez Janša, der mit der angestrebten Gesetzesänderung die Privatisierung der Küste sowie der Seen- und Flussufer noch weiter liberalisieren wollte.

Janša, der seit 1993 der rechten SDS ("Slowenische Demokratische Partei") vorsteht, ist darüber hinaus Trump-Fan, Best Buddy des anti-liberalen und postdemokratischen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, Bergkamerad von Sebastian Kurz und gilt jenen, die seine ausgesprochen selbstherrlich ausgelegte Auffassung von Meinungsfreiheit nicht teilen, als "Der erste Troll im Staate". Privatisieren, Parzellieren, Ab- und Ausgrenzen ist Janšas ganz persönliche Passion, weswegen er auch eine geopolitische Filetierung des Westbalkans forciert, die vorsieht, große Teile von Bosnien und Herzegowina Kroatien und Serbien zuzuschlagen – siehe dazu das Interview, das Stefanie Panzenböck mit dem bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan geführt hat.

Vom französischen Ökonomen Pierre-Joseph Proudhon (1808–1865) stammt der berühmte Satz "Eigentum ist Diebstahl". Ich bin gewiss kein in der Wolle gefärbter Proudhonist, sehr wohl aber für eine Filetierung der Heiligen Kuh Privateigentum. Es gibt Güter und Dinge, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehen und nicht von Thujenheckennazis besessen, bebaut und umzäunt werden sollten. Stattdessen nehme man sich ein Vorbild an jenen Ländern, die ihren Staatssubjekten ein Jedermannsrecht, also das Recht auf Nutzung von Wildnis und privatem Landeigentum einräumen. In diesem Sinne rufe ich aus: "Geben Sie Seenfreiheit, Sire!"

Klaus Nüchtern

Während die Grenzen des Eigentums bewehrt und bewacht werden, lösen sich jene zwischen den Geschlechtern bekanntlich zusehends auf – auch wenn es noch genug Menschen gibt, die darauf bestehen, dass es nur "Madln und Buam" gibt. Die Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster, deren Rauminszenierung derzeit in der Secession zu sehen ist, gehört allerdings nicht zu ihnen und freut sich in dem Interview, das Nicole Scheyerer mit ihr geführt hat, darüber, "dass die nächste Generation aus der heterosexuellen Falle herauskommt."

Der Begriff der "Cumberbitch" gilt als umstritten, wird von Fans des britischen Schauspielers Benedict Cumberbatch allerdings als Selbstbezeichnung reklamiert. Ich jedenfalls bin eine bekennende Cumberbitch und habe mir "Der Spion" ("The Courier") selbstverständlich sofort angesehen. Michael Omasta hat ein Interview mit Benedict Cumberbatch geführt, der in der Rolle des Handelsvertreters Greville Wynne brilliert. Kongenial freilich auch die schauspielerische Leistung von Merab Ninidze, der übrigens in Wien lebt und Oberst Oleg Penkowski, einen tragischen Helden des Kalten Krieges verkörpert. Als Spion und "Verräter" wurde Penkowski 1963 in der post-stalinistischen Sowjetunion in einem Schauprozess zu Tode verurteilt, hingerichtet und in einem Massengrab verscharrt.

Die US-amerikanische Essayistin Leslie Jamison, Jg. 1983, wurde seit dem Erscheinen ihres Bandes "Die Empathie-Tests" ("The Empathy Exams", 2014) immer wieder als "die neue Susan Sontag" abgefeiert. Die Frage, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen Menschen zur Empathie fähig sind (und ob das immer zielführend und nötig ist), geht sie auch in ihrem jüngsten Buch "Es muss schreien, es muss brennen" nach. Ein Interview mit Jamison, das ich via Zoom geführt habe, finden Sie in der aktuellen Falter-Ausgabe.

Die Kuba-Krise von 1962, die auch den historischen Hintergrund des Films "Der Spion" bildet, war jenes Ereignis, das den Kalten Krieg an den Rand eines Dritten Weltkriegs brachte. Vom Epizentrum kommunistischer Bedrohung avancierte Kuba im Laufe der Jahrzehnte aber auch zum Sehnsuchtsort, an dem man intensivere und authentischere Formen des Genusses und der Leidenschaft zu finden hoffte. Ein weitgehend unverdächtiges Produkt der Kubagutfinderei war das 1996 vom Gitarristen Ry Cooder kuratierte Projekt Buena Vista Social Club, das kubanische Musiker:innen der Jahrgänge 1907, 1919 aufwärts zusammenspannte und zu spätem Weltruhm verhalf. Eine Zeit lang war die Musik in den Clubs, Abhäng- und Shoppingzonen dieser Welt vielleicht etwas überpräsent, aber mittlerweile sind Generationen nachgewachsen, die damit nie in Kontakt gekommen sind – und anhören kann man sich so lässige Songs wie "Chan Chan" natürlich immer noch.


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