Indianerland - FALTER.maily #566

Matthias Dusini
Versendet am 15.07.2021

Kaum eine Nachricht geht so zu Herzen wie die Meldungen über Kindergräber in Kanada. Der kanadische Staat hatte ab 1874 die Kinder indigener Familien in die Obhut der katholischen Kirche gezwungen, zur "Umerziehung". Die Internate waren Orte des Schreckens, die jungen Menschen wurden misshandelt und sexuell missbraucht. Tausende von ihnen starben, oft an Tuberkulose, und wurden in Massengräbern verscharrt. Nun gibt die Erde ihre Knochen frei.

Um tiefer in das Thema einzudringen, empfehle ich Ihnen das Buch "Schule der Rebellen" (Hanser) des US-amerikanischen Autors Charles King. Er beschreibt die Rolle der Ethnologie im Umgang mit indigenen Kulturen. In den 1920er-Jahren versammelte der deutsche Ethnologe Franz Boas (1858–1942) an der New Yorker Colombia University eine Gruppe junger Forscherinnen um sich, um das Fach zu revolutionieren. Margaret Mead (1901–1978) untersuchte auf einer Südseeinsel die Geschlechterrollen und stellte fest, dass eheliche Treue und das Verbot der Homosexualität Erfindungen westlicher Kleinbürger sind.

Und da gab es Anpetu Waste, die sich bei Boas als Ella Clara Deloria (1889-1971) vorstellte. Als Tochter eines Dakota-Häuptlings geboren, besuchte sie das Internat der Episkopalkirche in Sioux Falls. Ihr Vater war selbst Geistlicher und bestand darauf, dass seine Tochter Englisch und Dakota sprach. Als Deloria in New York ein Lehrerkolleg besuchte, hörte Boas von ihren Fähigkeiten. In der Folge zog Deloria los, um in den Reservaten das Wissen zu überprüfen, das weiße Forscher über die Indianer zusammengetragen hatten. Dem verblüfften Boas teilte sie mit, dass kaum ein Wort richtig übersetzt, kein Brauchtum auch nur annähernd brauchbar beschrieben war. Die scheinbar objektive Forschung beruhte auf den Projektionen der Ethnologen.

Die moralische Verstrickung der Wissenschaft in die inneramerikanische Kolonisierung geht tief. Auf der Universität und im Museum ging Deloria an Friedhöfen vorbei. Im Jahr 1898 etwa hatte das American Museum of Natural History eine Gruppe grönländischer Inuit angeworben, die dem dort tätigen Franz Boas helfen sollten, die Objekte der Sammlungen zu katalogisieren. Sie wohnten im Museum, wurden bald krank und starben. Die Forscher vermaßen ihre Gehirne, um Rassenmerkmale festzustellen, bleichten die Knochen und stellten sie mit der Beschriftung "ein Eskimo" in die Vitrine. Erst 1993 wurden die Gebeine nach Grönland zur Bestattung überführt. Die Geschichte des Kolonialismus gleicht einem Totenhaus, das nicht zur Ruhe kommt.

Matthias Dusini

Einen Reigen vorzüglicher Geschichten finden Sie im aktuellen Falter-Feuilleton. Klaus Nüchtern sprach mit der US-Autorin Leslie Jamison über die Kunst des Essays. Stefanie Panzenböck traf die Wiener Autorin Renate Welsh, die die packende Lebensgeschichte der Bäuerin Johanna erzählt. Und sie besuchte den Künstler Rudolf Schönwald, einen der letzten noch lebenden Zeugen des Holocaust.

Der Jamtalgletscher in Tirol liegt im Sterben. Nichts Neues, sagen Sie? Das stimmt. Neu ist aber, mit welcher Geschwindigkeit es passiert. "Wir haben gedacht, dass wir mehr Zeit haben" erklärte die Glaziologin Andrea Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Benedikt Narodoslwasky, als er vergangene Woche die letzten Meter des ewigen Eises besichtigte. Derweil vermarkten Touristiker bereits den Rückgang des Eises und stellen sich auf einen grauen Berg ein, der bald ergrünen könnte. Hier können Sie die ganze Reportage lesen, hier sich für den Klima- und Nachhaltigkeits-Newsletter anmelden, der morgen wieder erscheint.

Mehr Sex, mehr Kinder nach Corona? Der "Summer of Love“ wurde während der Corona-Lockdowns vielerorts geradezu herbeigeredet. Anna Goldenberg hat bei der Sozialwissenschaftlerin Barbara Rothmüller nachgefragt, wie die Pandemie das Sexual- und Beziehungsverhalten verändert hat und ob diesen Sommer tatsächlich alles anders wird.

Die Operation Luxor mit ihren 60 Hausdurchsuchungen gegen angebliche Muslimbrüder vom November 2020 wirft immer mehr Fragen auf. Wandelt sich die Anti-Terrorrazzia zum Justizskandal? Im FALTER-Podcast bei Raimund Löw diskutieren darüber Farid Hafez, er ist Beschuldigter und Politikwissenschaftler, der Islamexperte Thomas Schmidinger, der Soziologe Kenan Güngör und die Presse-Journalistin Anna Thalhammer.

Das Wetter ist zu wechselhaft, um Sie guten Gewissens Baden zu schicken. Gut, dass man im Naturpark Ötscher-Tormäuer auch wandern kann. Wir empfehlen einen Spaziergang von Wienerbruck zum Lassingfall und über den Stierboden die Hinteren Tormäuer entlang zum Erlaufboden. Das Wasser ist hier glasklar, eiskalt aber smaragdgrün; wenn Ihnen beim Wandern warm wird, sollten Sie also zumindest die Füße hineinhalten. Anreise mit den Öffis: Mariazellerbahn/Wienerbruck, Schwimmfaktor: 5 Sterne, Kleinkindgerecht: 2 Sterne, Wassertemperatur im Sommer: 15 Grad. Weitere Bade- und Schwimmempfehlungen finden Sie im Buch "Wildbadeplätze" aus dem Falter Verlag.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!