Das Privatsphäre-Paradoxon, das keines ist - FALTER.maily #567

Anna Goldenberg
Versendet am 16.07.2021

Wir sorgen uns um Privatsphäre, teilen aber trotzdem viele persönliche Daten online – ein Widerspruch, der in der Forschung als "Privatsphäre-Paradoxon" bekannt ist. Tatsächlich gibt es aber wenige Belege dafür.

Eindrücklich zeigt das eine Arbeit, die Tobias Dienlin vom Institut für Publizistik der Universität Wien gemeinsam mit zwei anderen Forschenden kürzlich im Fachjournal New Media and Society veröffentlichte. Zwischen 2014 und 2017 wurden insgesamt 1403 Menschen in Deutschland dazu befragt, wie oft sie welche persönliche Informationen online teilten, ob sie sich sorgten, dass Firmen oder Geheimdienste ihre Daten sammelten, und ob sie es für vernünftig hielten, Informationen online zu teilen.

Die Ergebnisse zeigen: Wer sich mehr um Datenschutz sorgte, teilte etwas weniger persönliche Informationen als jene, die weniger Sorge trugen. Und wer das Teilen von Daten für unvernünftig hielt, teilte deutlich weniger als andere. Das spricht dafür, dass Menschen basierend auf ihren Einstellungen handeln, sich also nicht paradox verhalten.

Was selbstverständlich klingt – warum sollten wir nicht nach unsere Überzeugungen handeln? – ist es nicht. Ein Beispiel: Fast jede und jeder ist der Meinung, dass es gesund und wichtig ist, regelmäßig Sport zu treiben. Doch viele tun es trotzdem nicht, weil andere Faktoren, sei es Gewohnheit, Bequemlichkeit oder die äußeren Umstände, das Vorhaben behindern.

Die Studie zeigte übrigens andere Ergebnisse, wenn man das Verhalten über einen längeren Zeitraum betrachtete: Die Einstellung zu einem Zeitpunkt beeinflusste das Verhalten ein halbes Jahr später nicht. Was wiederum für das Paradoxon spricht – oder schlicht heißt, dass in einer Folgestudie ein anderer Zeitraum getestet werden muss.

Dazu kommt, dass die Daten vor dem Cambridge Analytica-Skandal und dem Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung im Jahr 2018 erhoben wurden, die das Thema Datenschutz ins Zentrum vieler Debatten rückten. Zudem lag das Durchschnittsalter der Befragten bei 53 Jahren; eine Studie unter jüngeren Internetuserinnen und -usern käme möglicherweise zu einem anderen Ergebnis.

Einiges spricht also dafür, dass unser Verhalten, was die eigene Privatsphäre betrifft, nicht paradox, sondern durchaus vernünftig ist. Da könnten wir uns beim Sport ein Beispiel daran nehmen.

Ein schönes Wochenende wünscht

Anna Goldenberg

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