Toni - FALTER.maily #569

Stefanie Panzenböck
Versendet am 19.07.2021

"Und die Juden, mögen Sie die?" - "Na, die mog i goar net. Jeder Jud' hat zusätzlich die israelische Staatsbürgerschaft. Hean S', i frog Sie, was ist das für ein Mensch, der zwei Heimats hat? Man kann nur eine haben, so wie man nur eine Mutter hat. Die tun so, als ob sie schon immer da gewesen wären. Wahrscheinlich sagt derselbe Jud' woanders, ja, da gehört er auch hin. Der hat eben mehrere Heimats. Ein anderer hat nicht zwei, der hat nur eine!" - "Die anderen sind auch nicht vergast worden." - "Wissen Sie, was ich Ihnen als Techniker sag'? Ich habe mich mit der Frage beschäftigt. Diese Massengaskammern sind technisch bis heute nicht möglich."

Diese Passage stammt aus einem der wohl berühmtesten Interviews, die die TV-Journalistin Elizabeth Toni Spira für ihre Sendereihe "Alltagsgeschichte" geführt hat. Die Folge "Kleiner Grenzverkehr" aus dem Jahr 1992 ist noch bis kommenden Sonntag in der ORF TV-Thek abrufbar. Die restlichen 59 Sendungen, die von 1985 bis 2006 ausgestrahlt wurden, finden Sie seit Neuestem auf der Bezahlplattform Flimmit (einige davon haben sich auch auf Youtube verirrt).

Spira versetzte Österreich mit ihren Filmen regelmäßig in Aufruhr. War es nun die Sendung über die Großfeldsiedlung, die die Kronen-Zeitung zu einer Kampagne gegen die Journalistin und ihr Team bewegte oder jene über die Schrebergärten, die viele Kleingartenverfechter verärgerte, nach dem Motto: "So sind wir nicht." Spira hatte ein untrügliches Gespür für Menschen, die vor der Kamera bereitwillig ihren Ausländerhass und Antisemitismus ausbreiteten und sich nach einigem Herumdrucksen dann doch noch an ihre Mitgliedschaft in der SA erinnerten. Mit ihnen hatte Spira kein Erbarmen. Sie fragte so lange, bis die Geschichte im Kasten war. Dass auch immer wieder Betrunkene ins Bild gerückt wurden, muss man nicht gut finden.

Und dann gab es jene Menschen, denen Spira eine Stimme geben wollte. Fabrikarbeiterinnen, die über Jahrzehnte hinweg dieselbe monotone Arbeit machen mussten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Oder einem alten Schaustellerpaar, das obdachlos geworden war. Was sie alle quälte, war die Einsamkeit.

Um Spiras Filme zu verstehen, braucht es einen Blick in die Vergangenheit der 1942 in Glasgow, Schottland, geborenen Filmemacherin. Vor eineinhalb Jahren begann ich, mich dafür zu interessieren. Im kommenden Frühjahr wird im Falter-Verlag eine Biografie über Elizabeth Toni Spira erscheinen. "Toni" war übrigens der Deckname ihres Vaters Leopold Spira, als er als Kommunist in den 1930er-Jahren in die Illegalität abtauchen musste.

Die Geschichte ihrer Familie ließ Spira zeitlebens nicht los. Wer waren die Menschen, die ihre Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln – sie alle waren Juden, Sozialdemokraten oder Kommunisten – zur Flucht zwangen? Was war das für eine Gesellschaft, in der sie, Toni Spira, schon als Baby dem Tod geweiht gewesen wäre? Und was von diesem Hass ist heute noch übrig?

Empfohlen seien auch die frühen Filme der "Alltagsgeschichte". Es sind historische Dokumente, in denen Menschen über ihre Kindheit in der Monarchie erzählten oder über ihr hartes Leben als Mägde und Knechte.

Publikum, Journalisten und selbst die Politik sparten weder mit Lob noch mit Kritik an der Sendereihe, von "großartiger Sozialreportage" bis "Sozialpornografie" war alles dabei. Als der Falter im Sommer 2018 Spira in einem Interview fragte, was sie denn zu Letzterem sage, antwortete sie: "Gute Pornografie ist doch was Schönes." Das Gespräch können Sie hier nachlesen.

Eine schöne Woche wünscht Ihnen

Ihre Stefanie Panzenböck

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