Brot und Sommerspiele - FALTER.maily #571

Lukas Matzinger
Versendet am 21.07.2021

Dressurreiten und Diskuswerfen, Tontaubenschießen und Trampolinspringen, Sportklettern und Shortboardsurfen, Geräteturnen und Gewichtheben, Kanurennen und Kunstrasenhockey, Cross-County-Mountainbike und Griechisch-Römisch-Ringen. Wie kann man Olympische Sommerspiele nicht lieben?

Heute liefen in Tokio die ersten Vorrundenspielen im Soft- und Fußball, am Freitag um 13 Uhr (unserer Zeit) eröffnet Olympia 2020 nach einem Jahr Seuchenstille offiziell. Es folgen diese zuckersüßen zwei Wochen, in denen mir verständnisvolle Eurosport-Kommentatoren die Gewehrlaufvorschriften im Kleinkaliber-Dreipositionenschießen aufsagen und mich zur verzwickten Familiengeschichte des usbekischen Hintermanns im Leichtgewichts-Doppelzweier-Ruderboot updaten.

Sommerspiele sind einfach ein Füllhorn guter Geschichten: Vom japanischen Kanuten Yasuhiro Suzuki, der seinem Teamkollegen Doping ins Glas mischte, um selbst zu den Spielen nach Tokio fahren zu dürfen. Von der puerto-ricanischen Leichtathletin Madeline de Jesús, die 1984 nach einer Verletzung im Weitsprung ihre Zwillingsschwester unter falschem Namen zur 4-mal-400-Meter-Staffel schickte.

Vom Springreiten 1980 in Moskau, als wegen des Afghanistan-Krieges über 60 Nationen aussetzten und die verbliebenen derart schlecht waren, dass nach fast jedem Reiter der Parcours neu aufgebaut werden musste. Meine Lieblingsgeschichte stammt aus einer Zeit, als noch Bewerbe wie Spazierstockfechten, Malerei und Tabak-Weitspucken olympisch waren und Athleten im Rahmen der Spiele statt auf Tontauben auf echte Tauben schossen:

Zum Marathon der dritten modernen Sommerspiele 1904 in St. Louis kam der Kubaner Félix Carvajal in schweren Straßenschuhen und ohne Turnhose, der barfuß laufende Südafrikaner Len Tau wurde über eine Meile weit von einem Hund verfolgt. Der Goldmedaillengewinner Thomas Hicks hatte unterwegs Strychnin und Brandy bekommen und im Ziel zu staunen: Dort ließ sich der US-Amerikaner Frederick Lorz als Sieger feiern, obwohl er die meiste Strecke mit dem Auto gefahren war.

Die heurigen Pandemiespiele sind für die 11.000 Sportler recht freudlos gestaltet: Stadionfans sind ausgeschlossen, die Athleten müssen ihr abgeschottetes Isolierareal in der Bucht von Tokio 48 Stunden nach dem Bewerb verlassen, die überlieferten Partys und Orgien im olympischen Dorf entfallen also. Das Komitee schenkt zwar wieder jedem Athleten 14 Kondome – aber diesmal erst zur Abreise.

Ihr Lukas Matzinger


Zur Einstimmung

Österreich schickt 75 Athleten nach Tokio, 2016 brachten nur die Segler Thomas Zajac und Tanja Frank eine Medaille aus Rio de Janeiro heim (Bronze.) Heuer haben der Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger, der Sportkletterer Jakob Schubert, die Judoka Michaela Polleres und die Ruderin Magdalena Lobnig mutmaßlich die besten Chancen.


Musik

Eigentlich hätte der US-amerikanische Songschreiber Randy Newman eine süffige Hymne für die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles aufnehmen sollen, herausgekommen ist aber seine Persiflage auf den Cabrio-Sonnenbrand-Lifestyle in L.A.. Die Stadtverantwortlichen verstanden keinen Spaß und entschieden sich stattdessen für die Synthie-Fanfaren des Südtiroler Discomusik-Erfinders Giorgio Moroder.


Kolumne

Menschen beim Sport zuzuschauen, ist eine Sache. Ihn selber zu betreiben, die andere. Warum vielen vor allem der Turnunterricht in der Schule in ziemlich qualvoller Erinnerung bleibt, hat unsere Kolumnistin und Buchautorin Melisa Erkurt diese Woche im FALTER aufgeschrieben.


Nachlese

Das Ende nicht nur des Turn-, sondern des gesamten Schulunterrichts ordentlich zelebrieren zu können, wünscht man nach eineinhalb Jahren Corona allen jungen Leuten von Herzen. Für Dutzende Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Maturareise "X-Jam" geriet die Lebensabschnittsparty allerdings zur Horrorwoche: Sexuelle Belästigung, Gewalt, eine mutmaßliche Vergewaltigung und ein Corona-Cluster sind die Bilanz einer "X-Jam"-Reise im kroatischen Lanterna. Wie es dazu kommen konnte, wie ein 18-Jähriger die Vorkommnisse öffentlich machte und was die Veranstalter dazu sagen, lesen Sie in diesem Bericht von Laura Fischer.


Post An Falter Maily

"Ach wie schön, wenn der Bobo aus der Stadt an guaten Schweinsbraten kriagt und feststellt, all dieses Land- und Bergwissen muss erhalten werden!", antwortete Maily-Leserin Susanne G. heute auf die Grüße des Chefredakteurs vom Bergbauernhof des "Wutbauern" in der Steiermark. Tatsächlich wissen wir noch nicht, wie gut der Braten wirklich war. Fortsetzung folgt...


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!