Verschwindendes Chaos - FALTER.maily #573

Birgit Wittstock
Versendet am 23.07.2021

kennen Sie das: Sie kommen an einen Ihnen einst vertrauten Ort und fragen sich plötzlich "wo bin ich hier?" Wie haben Ihnen diese Veränderungen bloß entgehen können? Mir ging es so, als ich vergangene Woche zur Markthalle recherchierte (den Artikel lesen Sie hier), die Planungsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) auf dem großen Parkplatz neben dem Wiener Naschmarkt plant.

Das Projekt stößt bei vielen Anrainerinnen und Anrainern aus den angrenzenden Bezirken Wieden, Margareten und Mariahilf auf Widerstand. Bereits seit Wochen informieren und mobilisieren dort Bürgerinitiativen gegen den Verbau der einzigen großen Freifläche in diesem dichtbebauten Innenstadtgrätzel. Unterschriften für Petitionen wurden gesammelt, regelmäßig finden Aktionen statt, viele Anwohner haben an ihren Fenstern und Balkonen Protestflaggen gehisst.

Die Stimmung rundum ist angespannt, der Ärger groß und die Motive für die Ablehnung von Simas Plan vielfältiger als das Warenangebot des benachbarten Naschmarkts: während die einen die BürgerInnenbeteiligung mit Zielvorgabe als Farce empfinden, stoßen sich andere an der Idee einer modernen Halle inmitten von Otto-Wagner-Ensembels und Jugendstilbauten. Wieder andere wollen lediglich einen Grünraum, Zugang zum Wienfluss, einen undefinierten, nicht-kommerziellen Freiraum oder einfach erst einmal eine breite öffentliche Debatte ehe die Stadt die Bevölkerung zwangsbeglückt.

Und dann sind da noch jene, die sich Sorgen um den Flohmarkt machen. Wo wir bei der eingangs gestellten Frage wären: Wie konnte mir entgehen, dass dieser nämlich bereits seit 2018 im Begriff ist, in seiner ursprünglichen Form zu verschwinden? Erst die Gespräche mit den engagierten Anrainerinnen und Anrainern machten mich darauf aufmerksam.

Genauer gesagt war es die Kunsthistorikerin Fiona Liewehr, die mir davon erzählte. Sie ist Aktivistin der Initiative "Freiraum Naschmarkt" und setzt sich auch für die Kulturinitiative "Rettet den Flohmarkt" ein, die ihr Bruder Walter Liewehr 2018 gegründet hat. Die Befürchtung der beiden: der Flohmarkt könnte im Zuge des Markthallenprojekts zu einem schicken "Antikmarkt" für professionelle Händler umgerüstet werden. Die Weichen dazu seien nämlich bereits 2018 mit der Einführung einer neuen Sperrstunde um 14 Uhr statt um 18.30 gestellt worden, erklärt Liewehr. Damit wollte der damals neu ernannte Marktamtsdirektor Andreas Kutheil (vorher Betriebsleiter der MA 48) auf dem seit 1977 allwöchentlich auf dem Naschmarktparkplatz stattfindenden Flohmarkt Ordnung schaffen. Soll heißen: die privaten Fetzentandler, die die Stadt für den vielen anfallenden Müll verantwortlich macht, loswerden.

Und das scheint zu klappen: verkauften hier früher jeden Samstag an die 500 Aussteller – private wie gewerbliche Händler – ihre Waren, so wurden die Verkaufsstände bereits vor der völligen Sperre für Privatverkäufer aufgrund der Pandemie von Woche zu Woche weniger. Der radikal verkürzte Markt rechne sich für die kleineren Anbieter einfach nicht mehr, meint Fiona Liewehr. Sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter von "Rettet den Flohmarkt" fürchten, dass nicht nur die soziale Funktion des Marktes verloren gehe, sondern am Ende statt des einstigen wilden bunten Treibens ein braver, gemainstreamter und touristentauglicher Antikmarkt übrig bleibt. Würde schließlich auch besser zur geplanten Halle passen.

Haben sie ein gutes Wochenende!

Birgit Wittstock

Kollegin Soraya Pechtl von unserem Früh-Newsletter FALTER.morgen erklärt die Hintergründe der Markthalle am Naschmarkt auch in diesem kurzen Video, schauen Sie rein!

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