Lob der Wiener Wurschtigkeit - FALTER.maily #581

Klaus Nüchtern
Versendet am 02.08.2021

ihr sei die Wiener Wurschtigkeit eigentlich sehr sympathisch. Das meinte die als Kind von den Nazis aus Wien vertriebene Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger in einem Interview, das im Oktober 2008 im Falter erschienen ist. Im Oktober des Vorjahres ist Ruth Klüger im Alter von achtundachtzig Jahren verstorben, einen ausführlichen Nachruf von Sigrid Löffler finden Sie hier. „Wiener Wurschtigkeit“, so meinte Klüger damals im Gespräch, das im Café Zartl im dritten Bezirk stattfand, „kann ja auch bedeuten, dass eine gewisse Ambivalenz besteht zu, sagen wir, politisch rechts und links – man kann so, man kann auch anders, so wichtig ist es nicht, wird sich schon wieder geben …“.

Die Wiener Wurschtigkeit wohnt Tür an Tür mit der Indolenz und ist von dieser mitunter gar nicht mehr zu unterscheiden. Das macht sie eigentlich nicht sehr sympathisch. Ihr robustes Phlegma kann aber auch ein gutes Schutzschild gegen Anmaßung, Dünkelhaftigkeit, Querulantentum und jene zudringliche Zeitgenossen und Zeitgenossinnen sein, die sich gleichsam berufsmäßig echauffieren, auf Wienerisch: aufpudeln. Die kann man dann wissen lassen, dass auch schon Hausherr’n gestorben sind.

Gerade als Wiener sollte man gegenüber der Wiener Wurschtigkeit sowie allen anderen angeblich ur-wienerischen Eigenschaften eine gewisse Grundskepsis bewahren, denn – so wie andernorts auch – neigen die Einheimischen in Wien dazu, im warmen Wurstwasser der Selbstgefälligkeit zu schwimmen wie ein Paar Frankfurter (andernorts „Wiener“ geheißen). Menschen, die aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Deutschland, auf Wien blicken oder hier vorbeischauen, haben oft eine etwas weichgezeichnete Wienwahrnehmung, und wir wollen ihnen die gar nicht gleich ausreden, auch wenn wir wissen, dass „die charmant süffisante Wiener Art“ oft nur ein Trick ist, sich hiesige Formen von Hinterfotzigkeit oder Gemeinheit schönzureden.

Wenn der deutsche Schriftsteller Matthias Politycki also eben „die charmant süffisante Wiener Art“ lobt, sich davon angetan zeigt, dass in Wien alles erst fünfzig Jahr später passiert und in Österreich ganz generell „der Schmäh und der Schlendrian Kakaniens noch jede Ideologie durch Wortwitz und Wurschtigkeit kleingekriegt hat“, wollen wir ihm jetzt nicht erklären, dass die Bevölkerung zwischen Lochau und Podersdorf auch nicht aus den Romanen von Robert Musil, Joseph Roth oder Heimito von Doderer gepurzelt ist, da wird er schon noch selbst draufkommen. Die Postings zu seinem Artikel „Mein Abschied aus Deutschland“, der vor kurzem in der FAZ erschienen ist und in dem Politycki seinen Entschluss kundtut, ins Exil nach Wien zu gehen, stellen ihm ohnedies in Aussicht dort nur „vom Regen in die Traufe“ zu kommen oder „mehr oder weniger subtilen Anfeindungen“ ausgesetzt zu sein, denn: „Die Deutschen sind leider nicht des Wieners beste Freunde.“

Was soll man dazu sagen? Dass es eigentlich „des Wiener und der Wienerin beste Freunde und Freundinnen“ heißen müsste? Das würde Politycki dann vielleicht als „Wiener Schmäh“ hinnehmen, denn der Versuch, eine gendergerechte Sprache zu etablieren, ja die Menschen zum Gebrauch einer solchen zu zwingen, ist genau der Grund, warum es der Schriftsteller, der einst gerne ein postnationaler Deutscher gewesen war, in seinem Vater- und Mutterland nicht mehr aushält. Schuld daran sei, so Politycki, eine politische Korrektheit, die unterm Begriff Wokeness, unseren gesellschaftlichen Diskurs dominiert“, die für ihn aber „nichts weniger als Pervertierung linken Denkens“ darstelle, „die Herrschaftsform einer Minderheit, die sich anmaßt, gegen den Willen der Mehrheitsgesellschaft die Welt nach ihrem Bilde neu zu erschaffen.“

Matthias Politycki ist ein Schriftsteller, der – aus weltanschaulichen und ästhetischen Gründen – am generischen Maskulinum festhält und der gendergerechte Sprache fürs Tierreich albern findet. Ob er in der Sache recht hat, mag jede und jeder für sich entscheiden. Ich finde jedenfalls, dass Matthias Politycki das Recht hat, sich ein bisschen rechthaberisch zu gebärden und auf seinem Sprachgebrauch zu beharren. Die Welt wird’s aushalten. Ja, sie würde vermutlich auch nicht entscheidend besser werden, wenn der Mann großzügig zwei Hände voll Gendersternchen in seinem nächsten Roman ausstreuen würde. Wenn ausgerechnet jene, die die Fahne der Diversität hochhalten, eine jakobinische „Kopf-ab!“-Mentalität an den Tag legen, sobald jemand auch nur zwei Millimeter „in die falsche Richtung“ abweicht, dann denke ich auch, dass hier ein Alzerl Wiener Wurschtigkeit nicht fehl am Platze wäre.

Matthias Politycki wird sich gewiss einige Unfreundlichkeiten nachrufen lassen müssen, in denen „vermissen“ auf „verpissen“ reimt. Da wollen wir ihn doch mit aller Freundlichkeit, die uns zur Verfügung steht, in Wien willkommen heißen. Melden Sie sich doch, wenn Sie angekommen sind und Zeit haben, Herr Politycki, dann gehen wir auf einen Kaffee. Und, nein, das ist nicht unbedingt der berühmte Wiener Charme, manchmal sind die Kellner und Kellnerinnen auch hier einfach nur unfreundlich.

in diesem Sinne verbleibe ich mit wurschtigen Grüßen

Klaus Nüchtern

„Ich habe Mitte 20 aufgehört, mir zu überlegen, was in fünf Jahren sein wird". Der Satz fällt schon deswegen nicht unter „Wiener Wurschtigkeit", weil der 30jährige Matthias Liener aus Niederösterreich kommt. Er ist einer von jenen Angehörigen der „Generation Schau ma mal", die Gerhard Stöger in seinem aktuellen Feuilleton-Aufmacher vorstellt: junge Musikerinnen und Musiker, die in Zeiten von Pandemie und Lockdown mit einer gehörigen Portion Pragmatismus an ihrer Pop-Karriere basteln.

Nachdem ich die dritte Staffel der großartigen Serie „The Kominsky Method" schon vor Wochen zügig durchgebinged und in den letzten Wochen auch nicht arg viel Zeit hatte, war mein Serien-Leben zuletzt ziemlich ins Stocken geraten. Nun hat mir jemand „Schitt’s Creek" wärmstens empfohlen. Die kanadische Produktion über eine stinkreiche Familie, die Knall auf Fall ihr ganzes Vermögen verliert und nun in der Kleinstadt leben muss, die sie sich vor Jahren im Scherz gekauft hat, ist nicht ganz neu und bereits abgedreht (2015–2020), was allerdings den Vorteil hat, dass jetzt 80 Folgen vorliegen und man ganze dreißig Stunden zum Schauen hat. Ich bin soeben erst eingestiegen und vorerst ziemlich angetan. Und die wohlportionierten Einheiten von zweiundzwanzig Minuten machen es einem leicht, auch nach dem Öffnen der dritten Flasche Wein, noch die ein oder andere Folge zu packen.

In Sachen Urlaubslektüre gibt es zwei Philosophien: Entweder liest man ein Buch, das man dann nach abgeschlossener Lektüre getrost am Strand oder auf der Berghütte zurücklassen kann oder eines, das man immer schon mal lesen wollte (oder zumindest denkt, dass man es gelesen haben sollte). Im letzten Urlaub habe ich zum ersten Mal Dostojewskis „Der Idiot" gelesen. Ich wäre heute nicht annähernd im Stande, den Inhalt auch nur in halbwegs kohärenten Happen nachzuerzählen (es geht schlecht aus), und die Namen sind sowieo eine eigene Herausforderung, muss dem Autor aber ein ganz großes Kompliment aussprechen: „Der Idiot" ist so ziemlich das durchgeknallteste Buch, das ich je gelesen habe. Und bei kaum einer Lektüre habe ich so viel kichern müssen. Vielleicht nehme ich mir heuer „Böse Geister" vor.

US-Gitarrist und Manchmal-auch-Sänger Marc Ribot kommt aus dem Wundern gar nicht mehr raus, ob der Heerscharen von virtuosen Gitarristen, innovativen Poeten und kontraintuitiven Philosophen, die ständig ganz unglaubliche Dinge tun: „Isn’t it amazing? I’m just amazed." „B-Flat Ontology" auf dem sarkastisch betitelten Album „Hope" von Marc Ribot’s Ceramic Dog ist ein schönes Beispiel für die Fusion von Humor und Übellaunigkeit und mit ziemlicher Sicherheit der einzige Song, in dem Slavoj Žižek und Bruno Latour einen Auftritt haben.

Apropos Hören. Ich gehöre ja noch zur Generation „Album", also zu jenen Menschen, die selbst zu CDs „Platte" sagen und generell der Auffassung sind, dass circa zweimal zwanzig Minuten Musik auf einer A- und einer B-Seite die adäquate (oder gar: einzig richtige) Art ist, Jazz, Pop- oder Rockmusik zu konsumieren. Speichermedien und Hörgewohnheiten ändern sich, und das „Album" hat seine hegemoniale Stellung längst verloren. Was es mit diesem Format auf sich hat, wie es um seine Vergangenheit und Zukunft bestellt ist, dem geht das Ö1-Magazin „Diagonal" in seiner akutellen Ausgabe „zum Thema Album" nach. Ich selbst durfte mich mit einem Beitrag über das „Mixtape" beteiligen, was wie immer großen Spaß gemacht hat.


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