Vom Anfang und vom Ende - FALTER.maily #582

Eva Maria Konzett
Versendet am 03.08.2021

gerade ist die große Konferenz zu Ende gegangen. So nennen wir die interne wöchentliche Zurschaustellung der geplanten Themen für die nächste Ausgabe. Im Falterwochenkreis schließt die Konferenz direkt an die Schlussproduktion an. So nennen wir die aufreibenden Stunden am Dienstagvormittag, wenn wir die Texte in eine druckbare Fassung zurechtzupfen. Die Autoren. Die Grafikerinnen. Die Fotoredaktion. Eine Mannschaftsleistung ein jedes Mal.

Man könnte diesen dienstäglichen Ablauf buddhistisch deuten, wo das Ende in ein Neues nahtlos übergeht. Zum Philosophieren fehlt uns am Dienstag aber die Zeit. Denn wenn der Mittag schlägt, nimmt die Produktion keine Änderungswünsche mehr entgegen. Die Seiten sind schon in der Druckerei. Rien ne va plus.

Dass Sie die folgende Geschichte hier und nicht im Blatt lesen, liegt daran, dass sie um 12.08 Uhr per „Alarm" durch die Agenturen tickerte. Zu spät für "Print". Aber durchaus erhellend. Sie erinnern sich vielleicht noch an die Bilder vom 9. November 2020. An den Innenminister, der sich mit strammem Rücken, hochaufgestelltem Kragen und fester Mine in einem Stiegenhaus über die weiteren Schritte unterrichten lässt. Die Operation Luxor ist da gerade im Gange, ein Schlag gegen die Muslimbrüderschaft soll es sein. Die Staatsanwaltschaft Graz will Terrorfinanzierung und Bildung einer Terrororganisation erkennen. 930 Beamte fahren 70 Razzien in vier Bundesländern.

Sechs Polizisten umringen Karl Nehammer, die Maschinengewehre im Anschlag, das Visier hochgeklappt, als machten sie nur kurze Pause, bis es weitergeht. Hier ist einer, der durchgreift, so lautet die Nachricht. Einer der zupackt. Eine Woche zuvor hatte sich der Islamist Kujtim F. durch das Wiener Bermuda-Dreieck gemordert.

Später wird herauskommen, dass die Vorbereitungen auf die Operation Luxor die Ressourcen im Verfassungsschutz dermaßen beansprucht haben, dass man die Radikalisierung des Kujtim F. übersah. Wo man beim Dschihadisten stichhaltiges Hinweise vertrödelte, reichte für die Aktion gegen die Muslimbrüderschaft eine mehr als dürre Beweislage. Wie dürr, das hat der Politikwissenschafter Thomas Schmidinger schon im November für den Falter aufgeschrieben: „Ganze Absätze der Ausführungen über die Muslimbruderschaft sind wörtliches Copy&Paste von Wikipedia-Artikeln, ohne dies jedoch auszuweisen, dafür aber mit einigen Zuspitzungen versehen“, heißt es da.

Und jetzt kommt noch raus, dass die Razzien teils rechtswidrig war. Das hat das Oberlandesgericht Graz geurteilt. Neun Betroffene hatten sich gegen die Durchsuchung im eigenen Haus gewehrt. Allen neun wurde stattgegeben. Über weitere Beschwerden wegen der Beweismittelmitnahme und eingefroreren Konten – es soll um Millionen gehen – will das Gericht noch urteilen.

Man sprach von einem Schlag gegen den Nährboden des Extremismus. Es bleiben gestelzte Bilder.

Haben Sie einen schönen Abend!

Eva Maria Konzett

Wie hat der Betroffene und Politikwissenschafter Farid Hafez die Razzia im November erlebt? Raimund Löw hat mit ihm, Islamexperte Thomas Schmidinger dem Soziologen Kenan Güngör und der Presse-Journalistin Anna Thalhammer die Operation Luxor im Juli kritisch vermessen.

Was haben wir bis Dienstag Mittag in die Zeitung geholt? Anna Goldenberg ist eine Woche vor der Wahl zum neuen Generaldirektor des ORF (die einzige Kandidatin hat wenig Chancen) in diesem sehr differenzierten Porträt dem Phänomen Alexander Wrabetz auf den Grund gegangen. Armin Thurnher widmet sich mit feiner Pointe der türkisen Umfärbeaktion des ORF.

Die Genossen hatten dazu nicht viel zu sagen. Sie sind mit sich selbst beschäftigt. Zwar sind die Streithanseln gerade still, die Mitte Juli öffentlich ausgetragene Flegelei zwischen der SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner und ihrem Parteikollegen Hans Peter Doskozil hat aber den verwundeten Zustand der SPÖ bekundet. Und wo keine Fetzen mehr fliegen, ist längst nicht alles gut. Viele fänden die Sozialdemokratie einfach nicht mehr cool, konstatiert Peter Kaiser. Nina Horaczek und Barbara Tóth haben den Kärntner Landeshauptmann am Wörthersee getroffen.

Und wie die Linke sich von der Revolution abwandte, wie der Mensch sich seiner selbst zuwandte, erzählt der Schweizer Philipp Sarasin in seinem Buch "1977: Eine kurze Geschichte der Gegenwart". Im Jahr 1977 legt er die Ideenstränge der Gegenwart frei. Von der Selbstoptimierung, dem Internet als Fluchtraum und ersten Gedanken zu »identity politics«. Sebastian Fasthuber hat mit dem Historiker gesprochen.

Dominik Graf hat Erich Kästners Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ aus dem Jahr 1931 meisterhaft fürs Kino aufbereitet. Der Film mit Tom Schilling in der Hauptrolle startet diese Woche, Michael Omasta hat den Regisseur ausführlich zu seiner Arbeit befragt. Weiters bietet unsere Kultur- und Programmbeilage eine tolle Fotostrecke von Katharina Gossow, die sich im Morgengrauen nach einer Partynacht in Wien umgesehen hat; Vertiefendes zum Festival Impulstanz, Tipps zu ausgewählten Highlights beim Kultursommer Wien, Empfehlungen zu Lesungen, Konzerten, Kabarettprogrammen, Theaterabenden, Ausstellungen, Kindertheaterstücken und weiteren Kinostarts neben „Fabian“; einen Ausblick auf die Badeoper (Badeoper? Ja, genau: Badeoper!) „duck and listen!“, unzählige Veranstaltungstermine österreichweit und nicht zuletzt Pascale Osterwalders beliebte Humorzeichnung „Daily Soap“.

Am Donnerstag eröffnet das Sommerfestival „LOESS IS MORE“ im niederösterreichischen Lösshof (A-3471 Grossriedenthal 18). Nach der Premiere von „Königstöchter“ gibt es mit LUNA AND THE STARS das erste musikalische Highlight des Festivals. Das Jazzquartett würdigt mit ihrem Programm aus dem „Great American Songbook“ den klassischen Jazz.

Am 11. August berührt Tina Haller mit ihrer rauchig rockigen Stimme und lädt mit ihrer Band zum Tanzen und Nachdenken zugleich ein.

Das Festival schließt am 14. August mit einem Konzert von Sängerin und Komponistin LYLIT.

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