Zeitungen sind keine Besserungsanstalten - FALTER.maily #589

Lukas Matzinger
Versendet am 11.08.2021

die Geschichte beginnt vor einer Woche, mit einem harmlosen Facebookposting: Für eine Reportage habe ich Menschen gesucht, die im Widerstand gegen die Pandemiepolitik Tests und Impfungen verweigern. Ich wollte verstehen, wer die Maßnahmengegner sind, was sie umtreibt und wie sie ihr Sozialleben erhalten. Die Geschichte hat mich in überraschende Lebenswelten geführt und ist im heutigen Falter erschienen.

Schon der erste Kommentar unter meinem Aufruf hatte eine Debatte eröffnet: "mit anderen worten: unwissenschaftlichem unsinn eine bühne bieten." Seit dem Veröffentlichen der Covergeschichte über Covidverharmloser teilen dutzende Twitternutzer diese Kritik: Journalisten sollten mutmaßlich unredliche Menschen nicht mit Berichterstattung adeln. Einige kündigten schon die Kündigung ihres Falter-Abos an.

Der Vorwurf ist nicht neu. Als der Falter den Schlagerstar Andreas Gabalier interviewte oder ein Polizeifoto des Terroristen vom 2. November 2020 zeigten, forderten Leserbriefschreiber und Meinungsartikler: Derart Unerwünschtem sei die Aufmerksamkeit zu versagen. Keine Bühne dem Bösen.

Dahinter steht ein Missverständnis von Journalismus: Journalisten sind erst einmal nicht dazu da, die Welt zu verbessern, sie sollen sie beschreiben. Sie wägen ab, was relevant ist, sie versuchen, es zu begreifen und präzise zu berichten. Sie gewichten Entwicklungen nicht nach Erfreulichkeit, sondern danach, für wie bedeutend sie sie halten. Sie sagen, was ist.

Die Relevanz von Themen wie den drei genannten ist unbestritten: Zehntausende Querdenker drohen sich gesellschaftlich abzukapseln und den Kampf gegen die Seuche zu gefährden. Der Terrorist Kujtim F. hat bei seinem beispiellosen Verbrechen eine Millionenstadt in Angst versetzt. Und Andreas Gabalier ist schlicht und ergreifend der erfolgreichste Musiker des Landes. Ob wir das wollen oder nicht.

Wir belohnen diese Themen nicht mit Relevanz, wir berichten über ihre Relevanz und ergründen in gebotener Ausführlichkeit. Es ist nicht die Aufgabe von Medien, zu unterstützen oder zu unterdrücken, ihr Publikum zu erziehen, und streng genommen nicht einmal, Sympathisanten und Nachahmer zu verhindern. Wer das Verheimlichen des Unerwünschten wünscht, lässt vom Journalismus wenig übrig: Berichte über gefährliche Modedrogen, wachsende Sekten oder betrügerische Hinterhofcasinos wären verpönt, weil Leser auf den Gusto kommen könnten.

Zeitungen sind keine kuratierten Bühnen des Guten, sie sollen nur die Gegenwart dokumentieren. Auch und gerade das Unerfreuliche daran.

Lukas Matzinger

Ich glaube, meinen Song des Jahres gefunden zu haben. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten nennt sich die norwegische Klangkünstlerin Jenny Hval "Lost Girls" und veröffentlichte im März Musik, so sperrig wie der Albumtitel ("Menneskekollektivet"). Durch das Herzstück Love, Lovers treibt 15 Minuten lang Avantgarde-Housemusik, vor der meine Mutter bestimmt Angst hätte. Nach Möglichkeit in voller Länge und Lautstärke anhören.

Der technologische Fortschritt wird die Politik nicht davor befreien können, sich Konzepte und Maßnahmen gegen die dringenden Probleme unseres Zeitalters zu überlegen. Das schreibt Ökonom in einem Gastkommentar für uns unter dem Titel "Der Hund passt auf die Wurst auf". Seinen Text lesen Sie hier.

Zwei Interviews aus unserem Früh-Newsletter FALTER.morgen wollen wir ihnen noch ans Herz legen. In einem befragen wir den Statistiker Erich Neuwirth, der seit Pandemiebeginn kontinuierlich das Infektionsgeschehen in Österreich beobachtet. Er ist sich nicht sicher, ob "Unis und Schulen im Herbst normal aufmachen können". Das ganze Interview lesen Sie hier. Und dann haben wir mit dem Pharmakologen Markus Zeitlinger über den rapiden Anstieg der Zahl der Neuinfektionen gesprochen und warum auch immer mehr Menschen im Krankenhaus landen. Dieses Interview lesen Sie hier.

Im Falter haben wir diese Woche Heinz Faßmann zum Dolm der Woche gekürt - er nützte den Ninja-Pass für eine politische Kampagne. Leider haben wir ihn im Titel dieser Rubrik "Werner Faßmann" genannt - das stimmt natürlich nicht, sein Vorname lautet Heinz. Wir entschuldigen uns.

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