Das Impfgegnerkind und die willenlose Schlafschafschar - FALTER.maily #590

Nina Horaczek
Versendet am 12.08.2021

damit sich bis Schulbeginn mehr Teenager impfen lassen, dachte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) laut darüber nach, geimpfte Schülerinnen und Schüler ab Herbst von der Masken- und Testpflicht zu befreien. Wie schön für die Kinder. Keine lästige Maske, kein Staberl in der Nase. Schule fast wie früher.

Jetzt wechseln Sie bitte kurz die Perspektive. Stellen Sie sich vor, Sie sind 15 Jahre alt und Ihre Eltern halten Corona für ein harmloses Gripperl. Tag für Tag bekommen Sie zu Hause erzählt, dass da draußen gerade ein riesiges Menschenexperiment abläuft, dass eine willenlose Schlafschafschar sich von denen da oben vergiften lässt. Aber keine Angst, Ihre Eltern lieben Sie und beschützen Sie. Und Sie lieben Ihre Eltern.

Dann gehen Sie in die Schule. Und sind dort plötzlich das Impfgegnerkind. Die Maske auf Ihrer Nase ist Zeichen dafür, dass Sie anders sind. Dass Ihre Eltern komisch sind. Querdenker, Corona-Leugner, Freaks. Wie fühlen Sie sich da?

Schule sollte ein sicherer Ort sein - besonders für Jugendliche, die es zu Hause nicht leicht haben. Oft sind es Lehrerinnen und Lehrer, denen sich diese Kinder und Jugendlichen anvertrauen. Die Pädagoginnen und Pädagogen in die Rolle der strengen Impfkontrolleure zu drängen, kann dieses Vertrauen zerstören und nimmt diesen Kindern die Schule als Ort, an dem sie sich sicher und nicht ausgegrenzt fühlen. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein sprach sich vor wenigen Tagen im Puls24-Interview auch gegen eine Differenzierung zwischen geimpften und ungeimpften Schülerinnen und Schülern bei der Maskenpflicht aus.

Denn abgesehen von dieser psychischen Komponente reicht ein Blick in Länder, in denen die Sommerferien bereits vorbei sind, um zu sehen, was auf uns zukommt. Im US-Bundesstaat Louisiana wurde die Maskenpflicht in den Schulen gerade erst wieder eingeführt, nachdem von zuletzt mehr als 11.000 Infektionen 2.000 Kinder betrafen. Auch in Hamburg rückten die Schülerinnen und Schüler am 5. August mit Masken wieder in die Schulen ein.

Kinder und Jugendliche brauchen die Schule als sicheren Ort. Neuerliche Schulschließungen wird man aber nur vermeiden können, wenn das Infektionsrisiko im Klassenzimmer möglichst niedrig ist. Masken und regelmäßige Tests sind dafür zentrale Instrumente.

Mindestens so wichtig wäre aber ein Schutznetz aus Psychologinnen und Psychologen, aus Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern an den Schulen, die Kinder und Jugendliche unterstützen, bei denen diese Pandemie tiefe Narben hinterlassen hat. Doch derzeit kommt in Österreich genau eine Schulpsychologin oder ein Schulpsychologe auf 6.100 Schulkinder. Die türkis-grüne Bundesregierung hat darauf reagiert: Ab kommendem Schuljahr stehen Österreichs Schulen 27 zusätzliche Psychologen zur Verfügung.

Nina Horaczek

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