Geld schießt Tore - FALTER.maily #594

Lukas Matzinger
Versendet am 17.08.2021

Politisch Interessierte stellen sich jetzt vor, Sebastian Kurz würde nächstes Mal einfach für die SPÖ kandidieren. Musikfreunde nehmen an, Bob Dylan sänge fortan bei den Rolling Stones. Und Medienabhängige imaginieren Armin Wolf als Servus-TV-Anchorman.

So ist es für uns Fußballfans, wenn Lionel Messi den Verein wechselt.

Vor einer Woche verließ Messi mit 34 Jahren sein Barcelona, Paris Saint-Germain bekommt ihn ablösefrei. Während dort hysterische Fans den Flughafen stürmten, obwohl Messi doch nicht im Flieger saß, lag Katalonien in Trauer, Menschen belagerten das Spielerhaus.

Der FC Barcelona hatte den 13-jährigen Argentinier einst per Absichtserklärung auf einer Serviette verpflichtet und verliert 21 Jahre später den begabtesten Fußballer der Geschichte. Für seinen Verein hat Messi in 778 Pflichtspielen 672 Tore geschossen, er war Weltfußballer, Torschützenkönig der europäischen Ligen und der Champions League. Je sechsmal.

Hinter seinem Transfer steht natürlich eine ganz andere Zahl: Der FC Barcelona hat 1,35 Milliarden Euro Schulden, was auch an Messis Vertrag aus 2017 liegt, der ihm pharaonische 139 Millionen Euro brutto pro Jahr versicherte. Zu jener Zeit hat ein Gericht übrigens seine 21-monatige Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung zu einer läppischen Geldbuße umgewandelt. Aber wir schweifen ab.

Der gütige Kleine wollte ja in Barcelona bleiben, er hätte weitere fünf Jahre für nur zwei Jahreslöhne gespielt. Doch selbst dann hätten die Gehälter des Vereins dessen gesamten Einnahmen überschritten – ein Verstoß gegen die Ligaregeln. So funktioniert der moderne Millionenfußball oft: Klubs überweisen Spielern obszöne Summen, die sie überhaupt nicht haben.

Messis neuer Arbeitgeber Paris Saint-Germain macht das anders. Erstens einmal haben die Geld: Der Klub gehört dem Emirat Katar, einem Schurkenstaat, auf Öl, Gas und der Scharia gebaut, der vergewaltigte Frauen wegsperrt, weil sie unehelichen Sex hatten, der Parteien verbietet und manche Arbeitsmigranten wie Sklaven hält.

Vielleicht auch Messi? Der bekommt von Paris angeblich 35 Millionen Euro netto im Jahr, verglichen mit seiner bisherigen Gehaltsklasse ein Bettel. Wer den Gigastar für zwei Jahre um dieses Geld verpflichtet, macht dann ausnahmsweise wirklich ein gutes Geschäft: Der Kurs des Vereins-Krypto-Tokens für PSG-Fans ist augenblicklich um fast 70 Prozent gestiegen, der Klub hat in einer Woche neun Millionen neue Fans auf Instagram gewonnen und gedenkt in der ersten Saison angeblich 1,5 Millionen Messi-Trikots zu verkaufen.

Ihr Lukas Matzinger

Kürzlich habe ich ein Konzert von Ivo Dimchev gesehen und vielleicht interessiert Sie der auch. Ein queerer Bulgare, der Falsett singt und hinreißende Balladen mit Bum-Tschak-Russendisko und überraschend obszönen Texten abwechselt. Er spielt gerne in Fanwohnzimmern und handhabt auch reguläre Auftritte so: einfach mal auf die Bühne gehen und mit ihm tanzen. Dimchev ist für alle da.

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Während es in der Finanzkrise von 2008 gemeinhin hieß, es gäbe keine Alternative zur rigorosen Sparpolitk, zeigte Corona, dass Regierungen sehr wohl handlungsfähig sind und frei von Sachzwängen gestalten können. Nun wäre es an der Zeit, dass sie das auch bei anderen Herausforderungen unserer Zeit – der Klimakrise oder der globalen Verteilungsungerechtigkeit – unter Beweis stellen. FALTER-Chefreporterin Nina Horaczek und Walter Otto Ötsch haben eine Streitschrift für eine bessere Zukunft veröffentlicht. Hier lesen Sie einen Vorabdruck.

Im FALTER-Podcast sprechen Raimund Löw und Tessa Szyszkowitz mit dem Fotografen Steve McCurry, der einst das ikonische Foto des Flüchtlingsmädchens Sharbat Gula, – bekannt als das "Mädchen mit den grünen Augen", – geschossen hat. Er berichtet von seinen Erfahrungen in Afghanistan über die Jahrzehnte hinweg und teilt seine Einschätzung über die Zukunft des Landes.

Das Atelier Jungwirth stellt das Werk Steve McCurrys übrigens derzeit in der Grazer Messe aus. Sollten Sie in der Nähe sein, oder einfach mal die steirische Landeshauptstadt besuchen wollen: Da kann man vorbeischauen!


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