Nicht in meiner Garage - FALTER.maily #595

Matthias Dusini
Versendet am 18.08.2021

Der Autokritiker Hermann Knoflacher erinnert sich an einen Politiker, der 1985 zu ihm sagte: "Ein Glück, dass Sie nicht im Mittelalter leben, damals hätten wir Sie schon längst verbrannt." Der emeritierte TU-Professor zählt in einem Falter-Beitrag die Argumente auf, die gegen das große Straßenprojekt Wiens sprechen, die S1 bzw. den Lobautunnel. Mich muss Knoflacher nicht überzeugen, sehr wohl aber viele andere, die dem Verbrennungsmotor nicht nur nostalgisch verbunden sind. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung kann sich ein Leben ohne Auto noch immer nicht vorstellen, auch wenn die Alternativen größer werden. Heute präsentierte die grüne Verkehrsministerin Leonore Gewessler das KlimaTicket Now: Ab dem 26. Oktober soll man um den Preis von 1.095 Euro mit allen Zügen im ganzen Land und den Öffis in sechs Bundesländern fahren können.

Die dringend notwendigen Maßnahmen gegen den Klimatod stellen die Demokratie auf die Probe. Erst unlängst lehnten die Schweizer Initiativen für mehr Umweltschutz ab. Die von ihren Gegnern als autofreundlich punzierten Wiener Sozialdemokraten wissen: Wenn sie es nicht tun, tun es die Freiheitlichen – die Erregung über Staus, verschwundene Parkplätze und breitere Fahrradwege für politische Zwecke missbrauchen. Auch wenn viele Wienerinnen und Wiener auf Öffis und Fahrräder umgestiegen sind – und die Autobesitzer in Österreich eine Minderheit darstellen –, bleibt eine umweltfreundliche Stadt- und Verkehrsplanung ein Politikum. Monatelang rieb sich der Boulevard an der eigentlich doch läppischen Umgestaltung der Mariahilfer Straße zur Begegnungszone.

Warum sich so viele Menschen gegen die Ökowende stellen, hat mit einer simplen Reaktion zu tun: Was ich nicht fühle, lässt mich kalt. Es sei äußerst schwierig, Menschen von etwas zu überzeugen, das erst in 30 oder 50 Jahren spürbar wird, sagt der US-Politologe Stephen Walt. Auch wenn Überschwemmungen und Brände die Folgen der Erderhitzung konkret werden lassen, sind sich viele einig: Nicht in meiner Garage. Die Greta-Thunberg-Avantgarde tut sich schwer. Die motorisierten Massen steigen nicht vom Gaspedal.

Wieviel Geduld brauchte es, um das Rauchen in Lokalen zu verbieten. Unfassbar viele Gegnerinnen und Gegner bekämpfen die Corona-Impfung. Auch in der Ökologie hat die Vernunft keine absolute Mehrheit. Ein Volksentscheid über den Lobau-Tunnel würde die Metropole zum Diskutieren bringen – und die Frage beantworten: Wollen wir im fünften Gang auf den Abgrund zusteuern?

Matthias Dusini

Mit einer grünen Partei in der Regierung müsste das mit dem Kampf gegen den Klimawandel ja eigentlich wie geschmiert laufen. Müsste. Warum die österreichischen Grünen die ÖVP trotz ständiger Horrornachrichten von Waldbränden bis Überschwemmungen nicht auf ihre Klimaversprechen festnageln können, hat Benedikt Narodoslawsky in seinem dieswöchigen Kommentar aufgeschrieben. Am Freitag erscheint übrigens wieder sein Natur-Newsletter. Hier können Sie ihn abonnieren, kostet auch nichts.

Strom oder Fluss? Osttiroler Gemeinden wollen ihre Flüsse nutzen, um erneuerbare Energie zu gewinnen. Die WWF-Gewässerschutzexpertin Marianne Götsch hingegen warnt vor den ökologischen Folgen einer Verbauung. Über dieses neuartige Dilemma lesen Sie hier.

Der designierte ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Öffentlich-Rechtlichen in den sozialen Medien besser aufzustellen. Dieser ist im Gegensatz zur Konkurrenz aber auch in der von der Aufmerksamkeitsökonomie getriebenen Onlinewelt zur Ausgewogenheit in der Berichterstattung verpflichtet. Gelingt Weißmann dieser Spagat? Peter Michael Lingens bezweifelt das. Hier lesen Sie, warum.

Das war jetzt viel Konflikt und Streit. Doch noch ist Sommer, noch ist Hängemattenzeit. Holen Sie sich eine im umwerfenden FALTER-blau.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!