Ausgenutzt - FALTER.maily #597

Stefanie Panzenböck
Versendet am 20.08.2021

am vergangenen Samstag feierte sich Österreichs jüngstes Bundesland selbst. Auf der Burg Schlaining wurde die Ausstellung "100 Jahre Burgenland" mit einem reichhaltigen Programm eröffnet. Unter anderem gab sich das international erfolgreiche Indie-Popduo Cari Cari, selbst aus Mörbisch am See, die Ehre. Und vermieste den Honoratioren die Party.

Der Musiker Alexander Köck wies auf der Bühne darauf hin, dass die Kolleginnen und Kollegen im Orchester nur 30 Euro Gage für den Abend bekämen. Das sei beschämend. Nach einem Wortgefecht mit Moderator Alfons Haider - der für den Abend kein Honorar erhielt - stellte sich heraus: Köck hatte recht. Doch Haider ließ vom Thema nicht ab. Die Verantwortlichen würden wie "Leichtverbrecher" hingestellt, das sei nicht akzeptabel. Zudem seien die angesprochenen Musikerinnen und Musiker keine Profis, sondern noch in Ausbildung. „Fühlen Sie sich ausgenutzt von uns?“, fragte Haider Richtung Orchester. "Ja? Sie fühlen sich trotzdem als Musiker? Danke schön." Mittlerweile hat sich Haider entschuldigt und will mit den Mitgliedern ein Gespräch führen.

Durch den Eklat könnte ein wichtiges Thema der Kulturpolitik vor den Vorhang geholt werden: die faire Bezahlung von freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern. Auch im zuständigen grünen Staatssekretariat arbeitet man an Lösungen für das Problem. Seit einem Jahr läuft der sogenannte Fairness-Prozess, im Zuge dessen neue Rahmenbedingungen für gerechte Bezahlung und gute Arbeitsverhältnissen geschaffen werden sollen. Im Herbst wird dazu auch ein Symposium stattfinden. Zudem wurde "Fair Pay" erstmals in ein Regierungsprogramm aufgenommen. Aktuell wird, vom Bund in Auftrag gegeben, eine landesweite Erhebung durchgeführt, die den Fair-Pay-Gap ermitteln soll. Wie viel Geld steht für freischaffende Künstlerinnen und Künstler zur Verfügung, und wie viel müsste vorhanden sein, damit man von fairer Bezahlung sprechen kann?

Maßgeblich beteiligt – und schon seit einem Jahrzehnt damit beschäftigt – sind die unterschiedlichen Interessensgemeinschaften (IG), die die Kunstschaffenden der freien Szene, Vereine und Kulturinitiativen vertreten. Unter anderem stellte die IG Kultur einen Katalog zusammen, in dem Empfehlungen für faire Bezahlung zu finden sind. Entwickelt hat ihn unter anderem Gabriele Gerbasits. Sie ist seit Jahrzehnten in der Kulturarbeit engagiert, war im Kabinett von Kurzzeit-Staatssekretärin Ulrike Lunacek für das Thema zuständig und ist nach Lunaceks Rück- und Andrea Mayers Antritt wieder an die Basis zurückgekehrt. "Die Mitglieder wissen jetzt, was ihre Arbeit wert ist", sagt Gerbasits. "Und die Subventionsgeber wissen, wie wenig sie zahlen." Bisher sei es üblich gewesen, dass Kunstschaffende viel weniger an Förderungen bekommen, als sie in den Anträgen vorrechnen. "Es wird von ihnen erwartet, dass sie die Projekte um den halben Preis machen. Das muss aufhören."

Ein Beispiel:

Die IG Freie Theaterarbeit und die Wiener Perspektive haben für Künstlerinnen und Künstler im Tanz-, Performance- und Theater-Bereich ein Fair-Pay-Level von 240 Euro pro Tag (entspricht acht Arbeitsstunden) errechnet. Die Honoraruntergrenzen-Empfehlung (für Projekt-, 1- und 2- Jahresförderungen der Stadt Wien) liegt aktuell bei unter 170 Euro. Es handelt sich um Brutto-Brutto-Bezüge - also vor Steuer- und Versicherungsabzug. Dazu kommt, dass Kunstschaffende bestenfalls an 100 bis 120 Tagen pro Jahr Einkommen generieren.

Es geht ums Geld, aber auch um das Bewusstsein, was uns Kunst und Kultur wert sind.

Stefanie Panzenböck

Um Kunst und Ethos geht es in der neuen Sendung unseres Podcasts FALTER Radio, die morgen Früh erscheint. Wir strahlen das Podiumsgespräch der Salzburger Festspiele aus, wo über den Konflikt zwischen moralischer Verantwortung, dem politisch bedenklichen Handeln von Künstlern und dem Wert ihrer Werke diskutiert wird. Unter der Leitung von Michael Kerbler sprechen miteinander: die Filmemacherin und Autorin Ruth Beckermann, die Kuratorin Kathrin Rhomberg, der Rechtsanwalt Peter Raue und der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, zu hören auf falter.at/radio oder in Ihrer Podcast-App.

So weit vom Thema weg ist auch die neueste Folge unseres Buchpodcasts "Besser lesen mit dem FALTER" nicht. Eva Menasse ist in der aktuellen Folge - wir halten bei 38! - mit "Dunkelblum", ihrem neuesten Roman, zu Gast. Im tiefsten Burgenland, in einem fiktiven Ort - Dunkelblum - angesiedelt, erzählt Menasse ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt, die immer wieder zum Schauplatz der Weltpolitik wird, und erzählt vom Umgang der Bewohner mit einer historischen Schuld.

Dieses Maily ist zufälligerweise sehr südburgenländisch, auch wenn obiges Thema mit diesem nichts zu tun hat: Menasse hat sich für ihre fiktive Ortschaft Dunkelblum das sehr reale Rechnitz zum Vorbild genommen, das ist nur eine Viertelstunde von Schlaining entfernt. Jedenfalls hören Sie die Folge auf falter.at/buchpodcast oder in Ihrer Podcast-App.

Meine Kollegin Nina Brnada ist zurück aus der Karenz und hat gleich den aktuellen FALTER-Aufmacher über Afghanistan recherchiert. Zusätzlich erklärt sie in einem kurzen Video, wie es die Taliban geschafft haben, Afghanistan in wenigen Wochen zurückzuerobern. Das Video sehen Sie hier.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!