Zwecksprache ist Lügensprache - FALTER.maily #598

Armin Thurnher
Versendet am 22.08.2021

Menschen sind wir alle. Warum aber haben wir die Politik erfunden? Weil einige von uns die Idee hatten, das Menschsein für die Mehrzahl der Menschen erträglich zu machen; für alle wird es nie erträglich sind. Die Frage ist, welche Menschen weniger leiden müssen? Müssen die Allerprivilegiertesten leiden, sozusagen das mitmachen, was man ein Luxusproblem nennt? Oder die unteren paar Milliarden?

Um dieses Problem zu lösen, haben wir die Demokratie erfunden, wo die schiere Mehrzahl die Entscheidungen trifft. Sie schaffte den absoluten Monarchen ab und schuf das obere eine Prozent. Nun stehen wir verdutzt vor der Frage: Wie konnte es kommen, dass diese Mehrzahl ihre Entscheidungen so trifft, dass die privilegierte Minderheit, das eine Prozent da oben, im Weltall oder wo immer es ist, auf keinen Fall leidet?

Ich denke seit langem ergebnisoffen darüber nach. Soll heißen: ich komme nicht drauf. Vielleicht ist es so, weil das Medium, in dem sich Politik bewegt, das Band, das uns verbindet, der Boden, den wir alle teilen, die Sprache ist? Weil man mit Hilfe der Sprache Dinge aufklären aber auch verdunkeln kann, Dinge ändern aber auch zementieren, Sachen gerade rücken aber auch verbiegen?

Dinge schwurbelig verbiegen: „Ich denke ergebnisoffen nach“ ist so ein Schwurbelfall. Ich denke nach, das sollte doch immer ergebnisoffen vor sich gehen, oder? Wenn einer „das Gespräch sucht“, habe ich ihn schon gefunden. Er könnte einfach reden, statt so zu tun als suche er etwas, wo er nichts verloren hat.

Keine Angst, ich fange nicht mit den Thema „Gendern“ an. Dieses gehört zu den in den Social Media mit Selbstzensur belegten Themen, wer sich hier zu weit vorwagt, kriegt eins auf die Rübe. Also setzt man die innere Rübenschere in Gang, schnipp-schnapp, schon ist jene Frechheit ab, für deren Ausübung man einst zu leben meinte.

Es ist auch nicht so wichtig, weil diese Zensur ja nur eine eingebildete ist, im Unterschied zu dem, das zum Beispiel die Taliban ausüben. Oder zu dem, das unser Sprachgebrauch in der öffentlichen Debatte anrichtet. Der Migrationsforscher Gerald Knaus beharrt darauf, dass Sprache beim Thema Migration eminent politisch ist: „Pull-Effect”, „Flüchtlingswelle” und dergleichen implizieren schon jene hetzerische Politik, die davon profitieren will, wenn das Volk an Pull-Effekte glaubt. Diese Worte sind Zwecksprache, und Zwecksprache ist Lügensprache.

Lügen können übrigens lebensrettend sein und unser Wohlbefinden erhalten. Zivilisation ist jene Lüge, die uns vor der Barbarei schützt. Aber jene süßen Lügen, die versuchen, uns von der Zivilisation wieder loszueisen, vor denen sollten wir uns hüten und mehr noch vor denen, die sie aussprechen. Sie müssen wir zu erkennen lernen, und haben wir sie erkannt, sollten wir sie nicht wählen, sondern freundlich, aber bestimmt verabschieden.

Zum Schluss erwachen wir aus solchen rosigen Träumen und bringen ein aktuelles Zitat unseres obersten Gesprächssuchers, frisch wieder da aus der Schwangerschaftsbekanntgabekarenz. Zur Begrüßung sagte Sebastian Kurz bei seinem Homecoming auf Twitter: „Es darf von uns nicht hingenommen werden, dass die in den letzten 20 Jahren in Afghanistan erzielten Fortschritte bei Menschen- und Frauenrechten wieder gänzlich zunichte gemacht werden. Wenn wir als EU mit den Taliban das Gespräch suchen, dann vor allem darüber!”

Darüber könnte ich lange schreiben und werde es auch tun. Einstweilen lade ich Sie ein, mit mir ein Stück des Weges zu gehen und das Gespräch darüber zu suchen, vielleicht auch nur ergebnisoffen, jedenfalls aber proaktiv darüber nachzudenken, was das Wörtchen „gänzlich“ in diesem Zusammenhang bedeuten mag.

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche.

Ihr Armin Thurnher

Ich weiß nicht, ob und wann ich Ernst mit der Ankündigung mache, über den langen Satz von Kurz (siehe oben) zu schreiben, vielleicht tue ich es schon morgen früh. Sie können ja einen Blick in die Kolumne tun. Wenn Sie mit meinem Zeug nicht zufrieden sind, lesen sie die Corona-Mitteilungen des Epidemiologen Robert Zangerle, die zum Besten gehören, was man seit Beginn der Seuche zum Thema lesen kann. (Wir haben sie hier gesammelt.) Mit einem Gratis-Abo der Seuchenkolumne sind Sie dabei.

Die Malerin Poldi Wojtek gestaltete das Logo der Salzburger Festspiele. Ausgehend von ihren Nazisympathien diskutieren die Filmemacherin und Autorin Ruth Beckermann, die Kuratorin Kathrin Rhomberg, der Rechtsanwalt Peter Raue und der Zeithistoriker Oliver Rathkolb über Vergangenheitsbewältigung jeder Art und über die Freiheit der Kunst. Michael Kerbler moderiert das Podiumsgespräch beim Symposium der Salzburger Festspiele.

Genauer gesagt, aus dem Falter-Universum. Zwei Protagonistinnen im Gespräch: Die Autorinnen Doris Knecht (neuer Roman!) und Stefanie Sargnagel (Film!) reden im Doppelinterview mit Stefanie Panzenböck und Matthias Dusini über Feminismus, Hassbriefe und ihre Scheu vor Menschen.

Ein Musterbeispiel dessen, was wir uns von einem öffentlich-rechtlichen Medium erwarten, war ein Gespräch im Ö1-Mittagsjournal, das Stefan Kappacher vergangenen Samstag mit Gerald Knaus zum Thema Afghanistan, Migration und Message Control führte.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!