Dazuverdienen? Pfui! - FALTER.maily #606

Barbara Tóth
Versendet am 31.08.2021

sind Sie gerade arbeitslos und haben einen Mini-Job angeboten bekommen? Ein wenig kellnern, eine Werbebroschüre texten, Nachhilfe geben - was auch immer. Falls ja, dann wissen Sie sicher, dass Sie in dem Moment, in dem Sie im Monat mehr als 475,86 Euro dazuverdienen, ihre gesamte Unterstützung verlieren.

Ergibt das Sinn? Natürlich nicht, finde ich. Die Zeiten, in denen man von heute auf morgen mit einer Festanstellung rechnen kann, sind vorbei, gerade in der Dienstleistungs- und Kreativbranche. Man wickelt ein paar Projekte ab, daraus ergibt sich mehr und im Idealfall wird man fix genommen. Oder man will selbstständig bleiben, muss sich seinen Kundenstock aber erst aufbauen, bis sich alles rechnet.

Von der ÖVP, der Wirtschaftspartei, die immer so von Leistungsträgern der Gesellschaft schwärmt, würde man sich erwarten, dass sie Menschen, die sich gerade neu erfinden, unterstützt. Aber nein. Erst vor Kurzem rückte sogar der der ÖVP zugerechnete Arbeitsmarktservice-Chef Johannes Kopf mit der Idee aus, die Zuverdienstgrenze ganz zu streichen. Dann hätten Arbeitslose mehr Anreiz, sich einen Job zu suchen. Ähnliches hatten zuvor schon der türkise Arbeitsminister Martin Kocher und der Wirtschaftsbund gefordert.

Die ÖVP kultiviert die Mär vom Arbeitslosen, der es sich in der sozialen Hängematte gemütlich macht, seit Jahrzehnten. In Zeiten der Großen Koalition war es das dominante Feindbild der Konservativen, bestens geeignet, um die SPÖ und ihre Sozialpartner zu necken. Dann kam Sebastian Kurz und ersetzte ihn durch den integrationsunwilligen Ausländer und den migrationswilligen Flüchtling. Jetzt wird der angebliche Sozialschmarotzer, den die Zuverdienstgrenze vom Arbeiten abhält, nur mehr dann hervorgeholt, wenn Wahlen anstehen – wie jetzt gerade in Oberösterreich.

Warum diskutieren wir stattdessen nicht über eine Grundsicherung von 1200 Euro (das ist die Armutsschwelle für eine allein lebende Person) für jeden Menschen in Österreich, die das Arbeitslosengeld, die Notstands- und Sozialhilfe und andere Transferleistungen ersetzt? Dazu die Möglichkeit, sanktionslos, aber nicht steuerfrei dazuzuverdienen. Die Soziologin Barbara Prainsack hat dazu einen sehr konkreten Vorschlag gemacht.

Nehmen Sie sich die Zeit und schauen Sie sich das an!

Schönen Abend

Barbara Tóth

Sie wissen es wahrscheinlich, aber heute ist der neue FALTER erschienen. Und das sind unsere Themen der Woche: Laab im Walde in Niederösterreich hat mit 74,2 Prozent Vollimmunisierten eine der höchsten Impfraten des Landes. Was die kleine Gemeinde richtig macht, haben Nina Brnada und Benedikt Narodoslawsky herausgefunden.

Noch völlig in den Sternen steht, was das Schicksal für jene afghanischen Journalistinnen bringt, die durch die Machtübernahme der Taliban ins Exil getrieben werden. Sofern ihnen überhaupt die Ausreise gelingt. Simone Brunner berichtet Ihnen über das Aus des afghanischen Fernsehsenders Zan TV, der von Frauen für Frauen gestaltet wurde.

Seine Lebensgeschichte war zermürbend, nun möchte er die Erzählung selbst in die Hand nehmen: Gabriel Gschaider wuchs in der steirischen Kleinstadt Knittelfeld auf. Dort wurde er wegen seiner Hautfarbe beschimpft und verprügelt. Irgendwann schlug er zurück. Warum er sein Leben nun in einem Film reflektieren möchte, hat er Stephanie Panzenböck erzählt.

Gerlinde Pölsler wiederum berichtet von der Erfolgsgeschichte der Sojabohne, die ambivalenter kaum sein könnte. Einerseits gilt die Pflanze durch die Abholzung der Regenwälder als große Klimakillerin. Andererseits gedeiht sie auch in Österreich in Bioqualität und ist als Proteinquelle ein guter Fleischersatz. Was also: Gut oder Böse? Hier lesen Sie die Antworten.

Die ÖBAG hätte nach dem Thomas-Schmid-Desaster bei der Besetzung des Vorstandspostens vieles richtig machen können. Hat sie aber nicht. Warum die Bestellung von Edith Hlawati dennoch ein Glücksfall ist, erklärt Eva Konzett in diesem Video. Mehr Details lesen Sie in dieser Analyse.

Zuerst wurde das Nova Rock in Nickelsdorf abgesagt, dann auch noch das Frequency in St. Pölten. Veranstalter dieser zwei größten Festivals Österreichs ist Barracuda Music und damit deren Chef Ewald Tatar. Mit ihm hat Stefanie Panzenböck über Großevents in Zeiten der Pandemie gesprochen – und über Nova Rock Encore, eine abgespeckte Variante des Festivals, die am 11. September in Wiener Neustadt über die Bühne gehen soll.

Für das letzte Ferienwochenende hat Theaterkritikerin Sara Schausberger sich nach Veranstaltungen für Kinder umgeschaut und unter anderem das tolle Grätzelprojekt "These Are The People in Your Neighborhood" entdeckt. Sebastian Fasthuber gibt einen Überblick der Konzertsaison in Herbst. Der Leuchtkasten steht ganz im Zeichen der "American Photography" von Lisette Model bis Nan Goldin, einer Ausstellung in der Wiener Albertina. Tipps, Termine und Kurzkritiken zum aktuellen Kulturgeschehen finden Sie wie immer im Programmteil der Falter:Woche.

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Weiterbildung trägt entscheidend zum beruflichen Erfolg und persönlichen Wohlbefinden bei. Ideale Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Weiterbildung neben dem Job bieten die berufsbegleitenden Master-Programme und Kurzlehrgänge an der Donau-Universität Krems, der führenden öffentlichen Universität für Weiterbildung in Europa.

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