Vom Schrecken zum Denken - FALTER.maily #610

Armin Thurnher
Versendet am 05.09.2021

diese Woche kommt etwas auf uns zu. Eine Welle von 9/11 Nostalgie. Besinnung und Abrechnung. Alle werden sich erinnern, wo sie damals waren. Ja, 9/11 gehört zu jenen Ereignissen, die man mit einem zeit-örtlich fixierten Erlebnis verknüpft. Wir waren in der Falter Redaktion, es war um die Zeit der Redaktionssitzung, und alle strömten in mein kleines, von Papier, Büchern, alten Zeitungen traditionellerweise überquellendes Büro. Der Fernseher im Besprechungszimmer hatte seinen Geist aufgegeben – wir hatten ihn ohnehin nur für Länderspiele und Diskussionen vor Nationalratswahlen benutzt – und für Online-TV war die Zeit zu früh. Ich aber hatte ein Eye-TV genantes Empfangsgerät samt Software, mit dem ich auf dem Mac über eine Sat-Antenne TV-Programme empfangen konnte, und so sahen wir die Endlosschleife der rauchenden, brennenden, stürzenden Türme, in die der zweite Flieger flog. Die Gesichter waren ungläubig, entsetzt, konnten sich nicht vom Anblick lösen. Gäste waren da, Betreuer von Kundenzeitschriften, zufällig beim Empfang hereingeschneite Menschen, sie alle drängten herein zu meinem zum Publikum gewendeten Schirm, aus dem sich die Bilder wiederholten und die Nachrichten entsetzlich steigerten.

Allen war bewusst, hier fand ein Zeitenbruch statt, hier geht es um Grundsätzliches, hier soll westliche Zivilisation ins Herz getroffen werden. Der übliche Reflex darauf war schon der Beginn des fatalen Endes, das wir nun in Afghanistan erleben durften, und das naturgemäße ebenfalls kein Ende darstellt, sondern nur den Abschluss einer Etappe. Ich versuchte das Dilemma damals mit der Falter-Schlagzeile auszudrücken: "Wir alle sind New Yorker", darauf anspielend, dass Amerika nicht nur das Amerika der Rache, des militärischen Gegenschlags und des blinden Bellizismus ist, sondern auch ein Hort der demokratischen Kritik genau daran.

Mittlerweile sind uns Erscheinungen zuteilgeworden wie Donald Trump, der unfromme Prinz der frommen Lüge, dem sich auch unsere Regierungsspitze ohne Weiteres auf den Schoß setzte. Und Trumps Nachfolger Joe Biden, Hoffnung der Gemäßigten, hat nichts Besseres im Sinn, als den Steinzeitkriegern und Steinzeitterroristen mit Steinzeitrache zu drohen.

Krieg und Rechtlosigkeit, das haben die Jahre nach 2001 auf tragische Weise gezeigt, lösen keine Probleme. Die Flüchtlingsbewegung, die von Syrien ausging und unser zentrales Problem zu sein scheint (die Klimakrise wird vergessen, die Pandemie relativiert), hängt direkt damit zusammen. Die "religiöse Verschärfung" aller Konflikte ebenso, wie Rudolf Burger das einmal nannte.

Das dramatischste Ergebnis der islamistisch motivierten 9/11-Terroristen um Osama bin Laden bestand darin, dass sie einen ganz anderen Erfolg erreichten, als sie beabsichtigten. Die Al-Kaida-Leute erwarteten Proteste im Westen nach dem Muster der Anti-Vietnamkriegsdemonstrationen, eine Umwälzung des westlichen Systems. Sie erreichten das Gegenteil: Sie stärkten antiaufklärerische Kräfte, ihre Unmenschlichkeit wurde mit Unmenschlichkeit beantwortet, und heute ist es so weit, das man in Ländern wie unserem, die sich als Hochburgen westlicher Zivilisation betrachten, Wahlen gewinnt, indem man inhumane Slogans ("Null Afghanen") von sich gibt.

Radikaler Pazifismus ist nicht die Lösung, aber die 9/11-Woche könnte ein Anlass sein, zu überlegen, wie weit wir es gebracht haben, wenn wir von innen beginnen, die zentralen Errungenschaft des demokratischen Westens zu relativieren: die Menschenrechte und den Rechtsstaat.

Ich wüsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche.

Armin Thurnher

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Auch das Falter-Radio widmet sich den Terroranschlägen gegen das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington DC vom 11. September 2001. Ex-ORF-Korrespondent in Washington und Buchautor Peter Fritz und Eva Nowotny, die ehemalige österreichische Botschafterin in den USA, schildern in einem analytischen Rückblick, wie sich die Welt durch sie veränderte. Raimund Löw moderiert.

Nicht nur die Seuchenkolumne ist voller Seuche. Im Falter zeigten Nina Brnada und Benedikt Narodoslawsky mit ihrem Bericht aus der niederösterreichischen Gemeinde Laab im Walde, wie man die Corona-Impfrate steigern kann. Das Zauberwort: Community-Effekt. Ein gesundheitspolitisches Lehrbeispiel, wäre die Politik lernwillig.

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